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Stone Stories: Der Papst als Säulendieb

Das Innere der Chigi-Kapelle mit dem Altar. Foto: Gryffindor, Wikimedia CommonsDownload (pdf)

(Januar 2009) Um 1660 ließ Papst Alexander VII. am Dom in seiner Heimatstadt Siena die Chigi-Kapelle bauen. Aufgrund ihrer Verwendung von feinstem Marmor setzte sie für die folgenden Jahrhunderte neue Maßstäbe für die Prachtentfaltung in einem Bauwerk

Der Abtransport ging auf Befehl des Papstes in tiefer Nacht und in höchster Geheimhaltung vor sich: Bei Fackelschein wurden die tonnenschweren Holzkisten zu den am Tiber wartenden Booten geschafft, um sich auf die monatelange Reise nach Siena zu begeben. Der Inhalt lohnte den Aufwand. Denn was da im August 1660 heimlich aus Rom fortgeschafft wurde, waren acht unschätzbar wertvolle Marmorsäulen, die ehemals in der allerersten Basilika der Christenheit verbaut worden waren.

Papst Alexander VII. (1599-1667) hatte die Stücke seiner Heimatstadt Siena zum Geschenk gemacht, genauer: für die Verwendung in einer neuen Kapelle im dortigen Dom freigegeben. Wäre nun der Abtransport aus Rom ruchbar geworden, hätte der Papst, weil er aus Siena stammte, sich wohl heftiger Kritik erwehren müssen. Denn die Säulen waren nicht nur ein Überbleibsel aus den seligen Zeiten des römischen Weltreichs, das damals schon mehr als 1000 Jahre zurücklag. Sie galten auch als Reliquien, waren sie doch von Kaiser Konstantin um 325 n. Chr. für die Lateranbasilika verwendet worden. Diese war die erste Bischofskirche in Rom, und insofern ein Heiligtum für die späteren Generationen der Gläubigen.

Die Säulen aus grünem Marmor sind noch heute in der Chigi-Kapelle im Dom zu Siena zu sehen. Professor Klaus Güthlein, Kunsthistoriker an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken, hat die Geschichte der Kapelle und des Gesamtbauwerks erforscht. Vielfach ist er dabei auf Anekdoten aus alter Zeit gestoßen, etwa jene: Nachdem Alexander II. auch noch den Umbau der Kuppel des Doms begonnen hatte und er wenig später todkrank danieder lag, beteten die Bürger Sienas mit wahrer Hingabe, dass Gott ihnen doch den Finanzier ihres wichtigsten Bauprojektes erhalten möge – worauf sich der Papst prompt noch einmal erholte und seiner Heimatstadt als Dank so viel Geld überwies, dass die Kuppel auch nach seinem Ableben fertig gestellt werden konnte.

Meisterstück in Marmor: der Dom zu Siena. Foto: Heiner WörmannDas war für die Bürger Sienas ein großer Erfolg, denn man muss wissen, dass solch ein päpstliches Großprojekt von Anfang an im wahrsten Sinne des Wortes auf wackligen Beinen stand. Päpste waren nämlich in der Regel alte und kränkelnde Herren, was wiederum bedeutete, dass, falls ein Bauprojekt nicht vor ihrem Tod fertig gestellt worden war, der Nachfolger sich kaum darum kümmern würde.

Aus heutiger Sicht bewegte sich die Finanzierung der Umbauten am Dom in Siena jenseits der Legalität. Damals aber war es üblich, öffentliche und private Angelegenheiten zu vermischen: Im Fall der Chigi-Kapelle war es so, dass sie offiziell ein Vorhaben der Familie des Papstes war (deren Name sie auch trägt), wobei aber die Finanzierung aus den Schatullen des Vatikans kam.

Das war nicht einfach Selbstbedienung der Sippschaft an öffentlichen Mitteln, sondern war überhaupt erst die Voraussetzung für das Zustandebringen derart großer Bauvorhaben. Aus der eigenen Tasche nämlich hätten die Chigi nie solch ein Projekt finanzieren können – also ließ man eine Hand die andere waschen, und im Gegenzug zeigte sich die Sippe später bei anderen Bauprojekten für die Kirche und die Stadt großzügig.

Zweifellos ein Projekt der Superklasse war diese Chigi-Kapelle, auch wenn sie mit ihren sieben Metern Durchmesser und doppelter Höhe eher bescheiden in den Ausmaßen ist. Aber sie kostete rund 40.000 Dukaten, das entsprach in etwa der Summe, für die man einen vielfach größeren Stadtpalast hätte erstellen können.

Wunderwerk in Marmor

Phänomenal ist noch heute ihre Wirkung auch auf den Besucher: sie ist ein Wunderwerk an Marmor, bietet ein Tableau der feinsten und besten Sorten, die die Brüche damals zu bieten hatten, und zeigt zudem noch meisterlich die Kunstfertigkeit der Steinmetzen von damals. Pracht pur ist sie, könnte man sagen.

Im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Architekturgeschichte sollte sie stilbildend für die Jahrhunderte danach werden. Denn in der Chigi-Kapelle wurde erstmals für den Barock ein Objekt komplett in feinstem Naturstein ausgeführt. „Für kommende Bauherren war damit ein Standard festgelegt, den sie, wenn sie sich und ihren Familiennamen verewigen wollten, zu übertreffen hatten“, so Güthlein.

Die acht Lateransäulen aus grünem Verde Antico, ursprünglich in Thessalien in Griechenland gebrochen, sind dabei nur ein Aspekt der Prachtentfaltung. Nicht weniger außergewöhnlich sind die Intarsienarbeiten in den päpstlichen Wappen auf den Feldern im Wandsockel. Die Kunst-Stücke erreichen durch Schattierungen eine scheinbare Dreidimensionalität, „so als wäre das Wappen aus der Wand herausgehoben und würde vor ihr schweben“, wie es Güthlein beschreibt. „Lavoro a commesso“ ist der Fachbegriff für diese Art von Einlegearbeiten in Stein.

Hergestellt wurden sie in den Werkstätten des Vatikans. Die Meisterschaft dieser Künstler war damals unübertroffen, was ein Vergleich mit einem anderen Projekt Alexanders VII. zeigt: Die Einlegearbeiten im Pendant zur Chigi-Kapelle, der Kapelle Johannes des Täufers ebenfalls im Dom zu Siena, haben diese dreidimensionale Wirkung nicht – es waren nämlich „bloß“ die Handwerksmeister aus Siena, die sie fertigten.

Stilbildend für kommende Jahrhunderte war auch die Chigi-Kuppel aus Rippenkassetten, eine bauliche Idee, die der berühmte Giovanni Bernini damals entwickelte. Außerdem wurde Berninis Altarbild der Kapelle zu einem Vorbild für Arbeiten späterer Künstler: Es zeigt die Gottesmutter mit dem Jesuskind in einer theatralischen Inszenierung, so als kämen beide gerade aus dem Himmel herabgeschwebt. Solche Dramatisierungen religiöser Geschichten waren damals bei den Gläubigen sehr beliebt und wurden zum Beispiel in Form von Osterspielen alljährlich in den Kirchen aufgeführt.

Überaus prachtvoll ist auch die Lapislazuli-Wand hinter dem Madonnenbild. Dieser Halbedelstein galt damals als in Stein materialisierte Luft beziehungsweise als das Blau des Himmels. Kaum in irgendeinem anderen Kunstwerk wurde so viel davon verwendet. Damit nicht genug: Einer der Rahmen des Marienbilds ist mit Diamanten besetzt.

Prachtentfaltung in Stein

War bloße Prunksucht einer reichen Familie das Motiv für so viel Prachtentfaltung in Stein? Man müsse sich in das Weltbild der damaligen Menschen hineindenken, sagt Güthlein korrigierend. Es sei den Altvorderen nicht allein darum gegangen, den eigenen Namen für alle Ewigkeit in Erinnerung zu halten. Vielmehr machte man mit der Pracht auch PR für die Religion: „Man wollte die Leistungsfähigkeit der Gläubigen zeigen und damit die Macht des Glaubens unter Beweis stellen.“

Dies sollte mit Blick besonders auf die Protestanten geschehen, deren Glaubensrichtung seit langem schon zu einer starken Konkurrenz zum Katholizismus geworden war. Die Rechnung ging im Fall der schwedischen Königin Christine sogar auf: Beeindruckt von den Kunstwerken in Italien konvertierte sie zum Katholizismus, entsagte zuhause dem Thron und wohnte fortan in Rom. Was der Vatikan propagandistisch auszuschlachten wusste.

Bleibt noch eine Frage, wieder zu den Säulen in der Chigi-Kapelle: Wieso hatte niemand in Rom etwas von deren heimlichem Abtransport mitbekommen?

Natürlich muss es Eingeweihte gegeben haben, meint Güthlein. Aber diese waren wohl eher als Mittäter des Papstes aktiv, weil die Geschehnisse nirgendwo in den Akten vermerkt wurden. Das führte dann wohl dazu, dass sie schnell in Vergessenheit gerieten.

Denn zwei Generationen später, 1723, als man wieder einmal die Lateranbasilika restaurieren wollte und dafür die historischen Säulen suchte, fand man sie nicht mehr. Es ging die Vermutung um, dass sie wohl vergraben worden wären – die offiziellen Stellen ließen tagelang Suchgrabungen in der Umgebung der Basilika durchführen, die aber natürlich nichts erbrachten.

Ausführlich sind die Forschungsergebnisse zur Chigi-Kapelle dargestellt in Band 3.1.1.2 des Werks „Die Kirchen von Siena“ (Deutscher Kunstverlag, 2006).