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Märkte: Personalisierte und wandelbare Grabsteine

Typische Gräberreihen auf einem Dorffriedhof in Deutschland. (April 2009) In Deutschland hat sich seit etwa 50 Jahren ein Wandel der Bestattungskultur vollzogen, der ein ganzes Marktsegment der Steinbranche bedroht. Denn immer weniger Bürger wollen die klassische Erdbestattung mit Sarg, Grabmal und Grabstein. Stattdessen bevorzugen sie die Verbrennung und die Beisetzung der Asche in einer Urne. Hier hat der Grabstein nur noch winzige Ausmaße, falls er nicht ganz wegfällt, wenn sich die Hinterbliebenen für die anonyme Bestattung entscheiden.

Es könnte sein, dass sich die Abkehr von Grabstein und Friedhof demnächst auch in anderen Industrieländern durchsetzt.

Nur eine Zahl wollen wir hier als Beleg für den Trend anführen: Machte die Verbrennung im Jahr 1950 nur gut 5 % der Bestattungen aus, liegt ihr Anteil derzeit bei über 50 %. Zwar gibt es große Unterschiede zwischen Stadt und Land, aber generell geht die Tendenz unzweifelhaft weg von der traditionellen Bestattung und damit auch weg vom Grabstein.

Die Gründe dafür sind vielfältig und bei näherer Betrachtung spiegelt sich in ihnen viel von dem, was den Lebensstil in einem reichen Industrieland ausmacht.

Da gibt es erstens den Wunsch der Bürger nach Individualisierung. Statt der standardisierten Grabmale wollen sie, dass der Grabstein das Leben des Verstorbenen widerspiegelt.

Ein zweiter Grund ist, dass die Familienbande in Deutschland heutzutage sehr locker sind. Vielfach wohnen die Kinder woanders als die Eltern – berufliche Mobilität ist das Stichwort. Das wiederum bedeutet, dass für die Kinder eine Grabpflege auch einen hohen Reiseaufwand mit sich bringen würde.

Hier greift ein weiteres Phänomen: umgekehrt sagen die Alten selbst, dass sie kein Grab wünschen, weil sie den Kindern nicht zur Last fallen wollen.

Schließlich spielt auch das Geld eine Rolle. Eine traditionelle Bestattung kostet nach Angaben des Verbands der Bestatter im Schnitt zwischen 3000 und 5000 Euro, was auch für den Mittelstand eine hohe Summe ist.

Der Markt rund um die Bestattungen ist in Deutschland mit derzeit rund 82 Millionen Einwohnern groß. Allein mit Grabsteinen und den Arbeiten drumherum wurden in der Vergangenheit pro Jahr etwa 2,6 Milliarden Euro umgesetzt.

Es lohnt sich also, um diesen Markt zu kämpfen. Mehr noch: Wenn es gelingt, den Trend zu stoppen oder gar umzukehren, besteht sogar noch Aussicht auf Wachstum: Bis 2050 wird laut Statistischem Bundesamt die Zahl der jährlichen Sterbefälle von derzeit rund 850.000 auf gut 1 Million steigen.

Insgesamt bemüht sich deshalb die Branche darum, dem Friedhof eine neue Rolle zu geben. Er soll „nicht nur ein Ort für die Toten, sondern auch für die Lebenden sein“, so die Kernaussage eines ihrer Vordenker. Gemeint ist damit, dass Grab und Friedhof den Hinterbliebenen bei der Trauer helfen. „Trauerarbeit“ ist hier der Fachbegriff aus der Psychoanalyse: er besagt, dass das Sich-Trennen von einer lieben Person ein Akt emotionaler Anstrengung ist, nämlich des Abschied-Nehmens, Loslassens und danach der Neurorientierung.

Auch stellt die Branche die Rolle des Friedhofs als Zeugnis für den Zeitgeist und den Geschmack vergangener Epochen heraus.

Die Steinmetze, die die Grabmale liefern, verfolgen drei Richtungen, um den neuen Kundenwünschen genüge zu tun: Sie bieten personalisierte sowie flexible Grabmale und teils sogar eine Loslösung vom Friedhof als einzigem Ort für die Trauerarbeit. Bemerkenswert ist, dass hier die Begriffe auftauchen, die auch sonst die moderne Industriegesellschaft prägen, nämlich Individualisierung, Flexibilisierung und Mobilität.

Individualisierung heißt im Fall der Grabsteine, dass die Steinmetze den Hinterbliebenen handwerklich gestaltete Unikate anbieten. Mit künstlerischem Arbeiten wollen sie künftig mehr als nur bloß Namen und Daten des Verstorbenen oder sein Foto auf den Grabstein bringen. „Grabzeichen“ ist eine aktuelle Wort-Neuschöpfung für solche Steine. Beispiele werden auf verschiedenen Webpages (1, 2) gezeigt. Angesichts der bisher üblichen einfallslosen Grabsteine ist das eine ganz neue Entwicklung.

Ein kurzer Blick zu den Nachbarn: In Großbritannien ist die Personalisierung der Gräber seit jeher üblich und nimmt gelegentlich Formen an, die für Deutsche wiederum unverständlich sind. Beispiele zeigt der jährliche Preis für das Most Unusual Memorial, das ungewöhnlichste Grabmal: Im Jahr 2007 ging die Auszeichnung an eine Steinmetzarbeit für einen offenbar trinkfreudigen Zeitgenossen.

Die zweite Richtung hat Flexibilisierung zum Ziel und bemüht sich darum, das Grab an die verschiedenen Phasen der Trauerarbeit anzupassen. Zum Beispiel kann es unmittelbar nach dem Todesfall für einen Ehepartner hilfreich sein, das Grab intensiv zu besuchen und zu pflegen; später aber braucht er das vielleicht nicht mehr.

Darauf sind die so genannten wandelbaren Gräber eingestellt. Ein Beispiel: ein Grab wird auf einer Wiesenfläche angelegt, und später, wenn sich der Hinterbliebene nicht mehr kümmern will, wuchert die Wiese es wieder zu. Was bleibt, ist nur der Grabstein, dann nicht mehr auf einem Grab stehend, sondern wie ein Denkmal auf dem Grün.

Eine andere Idee lehnt sich an eine Apfelsine an, die senkrecht steht und deren Schalen in Streifen abgeklappt sind. Auf den Streifen steht der Name des Verstorbenen – bei Wunsch können sie wieder zusammengeklappt werden, so dass dann die geschlossene Frucht zurückbleibt. Häufig werden solche Konzepte auch als Gemeinschaftsgräber propagiert: wenn auf jedem Streifen der Apfelsine der Name eines anderen Verstorbenen steht, können damit sowohl die Kosten für die Anschaffung als auch für den Unterhalt der Grabstätte auf mehrere Schultern verteilt werden.

Was die Mobilität angeht, sind die einfachste Form kleine Kiesel mit Inschrift, die die Gäste nach einer Trauerfeier als Erinnerung mitnehmen können. Inzwischen wurden solche alten Ideen weiterentwickelt, etwa indem dieses Steinchen zum Mitnehmen aus dem Grabstein des Verstorbenen stammt.

Noch weiter geht ein anderes Konzept, das den Grabstein in mehrere Teile aufteilt. Ein Teil steht auf dem Friedhof, die anderen bei den Hinterbliebenen zuhause. Wollen sie ihre Teile nicht mehr, können sie sie aufs Grab auf dem Friedhof zurückbringen.

Ganz vom Friedhof gelöst hat sich andere Idee, die die anonyme Bestattung nicht verdammt, sondern in ihr dem Grabstein einen Platz sichern will: Während auch hier die Asche verstreut wird und es folglich kein Grab mehr gibt, gibt es gleichwohl einen Grabstein, der zum Beispiel zuhause bei den Hinterbliebenen stehen kann. An der Gestaltung soll der alte Mensch noch zu Lebzeiten mitwirken. Das Konzept bekam kürzlich einen der ersten Preise des International Funeral Awards.

Alle diese Ideen setzen auf handwerkliche Dienstleistung des Steinmetzen und auf Service am Kunden. Entsprechend teuer sind die Produkte. Wie groß der Markt hier wirklich ist, weiß niemand.

Ist mit diesen Tendenzen der deutsche Grabmalmarkt für Billiglieferanten verschlossen? Sicherlich nicht, wenn es den Anbietern gelingt, sich ebenfalls an die genannten Trends anzupassen.

Anregungen geben kann hier ein Besuch auf dem Leitfriedhof auf dem Nürnberger Südfriedhof (siehe Adressen). Hier werden seit 1981 neuartige Grabsteine gezeigt, die zweierlei verbinden: zum einen wollen sie mehr sein als standardisierte Produkte und zum anderen sollen sie dennoch in Massenproduktion herstellbar sein.

Adressen:

In Halle 4a der diesjährigen Stone+tec in Nürnberg findet eine Sonderschau über die „Zukunft der Grabmalindustrie“ statt. Dort werden neue Ideen unter anderem für die Gestaltung von Grabsteinen präsentiert.

Auf dem Nürnberger Südfriedhof gibt es eine Abteilung, die seit 1981 neue Konzepte für Grabmal präsentiert. „Leitfriedhof“ ist ihr Name. Zu erreichen ist sie in wenigen Schritten von der Endstation der Straßenbahnlinie 8. Achtung: eine vorherige Station heißt „Südfriedhof“ – wer hier aussteigt, hat einen weiten Weg über die gesamte Anlage vor sich.

Innovative Konzepte zeigen die Zukunftswerkstatt Grabmal und auch das Grabmal-Portal.

Ideen zu Gemeinschaftsgräbern

In Kassel gibt es das Museum für Sepulkralkultur, das sich mit der Geschichte der Bestattungen in Deutschland beschäftigt.

Die FIAT-IFTA ist die Weltorganisation der Bestatter. In deren Magazin Thanos findet man Länderanalysen und Beschreibungen der nationalen Bestattungskulturen.

International Funeral Awards

Monument Builders of North America

USA: Association for Gravestone Studies

Grabmale in Japan

Ideen für Urnenwände aus Frankreich