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Märkte: Fenster-Scheiben aus Stein

Eingangspforte am Markusdom in Venedig. Foto: Raffaello Galiottovollständiger Text als pdf

(Mai 2009) Interessant zu beobachten, dass seit einigen Jahren auf den Natursteinmessen immer häufiger Lochscheiben aus Stein präsentiert werden. Oft wollen die ausstellenden Firmen sie gar nicht verkaufen, sondern zeigen sie nur wegen des Showeffekts – „sie locken einfach Kunden an unseren Stand“, erfährt man bei Nachfrage nach dem Grund der Präsentation. Dabei steckt in ihnen wahrscheinlich ein riesiges Marktpotenzial für die Natursteinbranche.

Denn im ganzen islamischen Kulturraum und ebenso in Indien findet man sie als Vorläufer der gläsernen Fensterscheiben.

Und auch in der europäischen Kultur gibt es sie. Das beweist ein Foto von einer Eingangspforte am Markusdom in Venedig. Sie muss irgendwann um 1250 gebaut worden sein.

Die weitere Entwicklung solcher Lochscheiben in den Kathedralen hing vermutlich eng mit der Glasherstellung zusammen: Weil man ehemals nur kleine Scheibchen herstellen konnte, kamen die Steinmetzen mit ihrem Maßwerk zum Zuge, das die gewaltigen Fenster in den Großkirchen in viele kleinere Einheiten teilte.

Zwischen die steinernen Bögen und Streben konnten dann die Glasscheibchen so eingesetzt werden, dass sie auch einem Sturm standhielten. Interessant zu sehen ist, dass diese Muster, so vielfältig sie auch daherkommen, immer runde Formen haben.

Anders in den arabischen Ländern etwa ums Mittelmeer oder in Spanien. Hier sind die Lochmuster in den Fenstern der Altstädte immer eckig. Auch sind sie aus Holz. Interessanterweise aber folgen auch sie geometrischen Gesetzen – die Mathematik war offenbar überall in Mode, seit die Araber die halbe Welt erobert hatten. Mashrabiya heißen die Balkone mit hölzernen Fenster-Scheiben auf Arabisch.

Vor allem Erker mit Blick auf die Straße sind so gestaltet. Das Lochmuster erlaubt den Bewohnern den Blick nach draußen, ohne dass sie von dort gesehen werden. Auch innerhalb von Räumen waren Lochwände üblich, um Frauen und Männer zu trennen. Im gesamten arabischen Raum findet man sie, besonders in den alten Karawansereien, wo sie zusammen mit Fußböden aus Marmor und Wassergeplätscher im Springbrunnen die Tageshitze erträglich machen (1, 2, 3).

Auch in der indischen Kultur stößt man auf sie. Berühmt ist der Palast der Winde in Jaipur: dieses heutige Hotel trägt seinen Namen nach dem angenehmen Durchzug durch die Räume, der für ein erträgliches Klima sorgt. Ermöglicht wird es ohne Ventilation und ohne Klimaanlage durch die Lochmuster im Kalkstein in den Fenstern. Auch das Red Fort gegenüber vom Taj Mahal hat sie in den Fenstern, hier in rotem Sandstein.

Wir halten fest: Weltweit gibt es in den Kulturen nicht-gläserne Fensterscheiben aus alter Zeit. Sie dekorierten die Fassaden der Häuser, ließen die drinnen für jene draußen unsichtbar sein, und waren eine der damaligen Möglichkeiten für klimagerechtes Bauen. Nicht zuletzt belebten sie mit ihrem Spiel aus Licht und Schatten das Dunkel der verschatteten Innenräume.

Angesichts von so viel Markt und Anwendung lohnt sich die Betrachtung, ob die Steinbranche den alten Schatz nicht heben könnte, indem sie diese alte Art von Fenster-Scheiben neu belebt. Die Technologie für eine kostengünstige Produktion ist vorhanden: Wasserstrahl.

Fenster-Scheiben sind dabei nur eine der unendlich vielen Einsatzgebiete: Raumteiler sind denkbar oder Windfänge, genauso Geländer für drinnen oder draußen. Sogar Schiebetüren für Schrankwände ließen sich in dünnen Platten herstellen und mit Wasserstrahl ausschneiden.

Anders ausgedrückt: ein Kunde, der den Eingangsbereich zu seinem Hotel oder zu seinem Bürogebäude in repräsentativen Steinplatten ausgestaltet, oder sich eine Tonnen schwere Wanne ins Bad stellt, könnte auch Interesse an Stein in den Fenstern haben.

Und: Während Fassaden rein aus Glas und Stahl hohe Kosten für Kühlung und Sonnenschutz verursachen, kann hinter einer Lochscheibe auf Glas die Klimaanlage mit reduzierter Kraft arbeiten.

Grabmal der Baha’i in Haifa

Beispiele aus Indien (1, 2)

Wir danken dem italienischen Designer Raffaello Galiotto für die anregende Diskussion über das Thema. Seine jüngsten Arbeiten findet man bei Lithos Design.