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Märkte: Industriedesign als große Chance

Der Designer Raffaello Galiotto zeigte auf der Marmomacc Wände aus Fertigteilen, die er für Lithos Design entwickelt hat.(November 2009) Dr. Carlo Montani trifft den Nagel auf den Kopf. Der Großmeister der Statistiken, der auf der Marmomacc wieder sein jährliches Handbuch zu den Zahlen der weltweiten Steinindustrie vorstellte, behandelt in der Zeitschrift Universal Stone (2/2009) die Frage, wo denn neue Märkte für Naturstein zu suchen seien. Wirklich neue Absatzgebiete, so schreibt er, würden am ehesten in neuen Produkten liegen, mit denen man traditionelle Märkte neu bearbeiten könne.

Montani, weil er ein Mann der Zahlen und nicht der Spekulationen ist, führt nicht weiter aus, was er mit solchen neuen Produkten meint. Wir wollen das hier einmal versuchen und dazu zunächst einen Blick auf die Entwicklung der Weltbevölkerung werfen.

Gab es auf dem Planeten Erde zuletzt rund 2 Milliarden Menschen, die in Wohlstand leben konnten, wird deren Zahl bis 2035 auf etwa 4,4 Milliarden steigen, so Schätzungen der OECD. Wohlgemerkt: Es wird auch im 21. Jahrhundert Milliarden Arme und Hungernde geben, aber eben auch mehr Personen als jemals zuvor, die ihr Leben in vergleichsweise paradiesischen Umständen führen können. Bisher war das weitgehend den Bürgern der Industrienationen in Europa oder Nordamerika vorbehalten.

Diese Wohlstandsbürger werden hochwertige Ausstattungen unter anderem für ihre Wohnungen, Häuser und Gärten suchen – hier liegt eine große Chance für die Steinindustrie, da deren Material den immer stärkeren Wunsch der Kunden nach umweltfreundlichen Produkten trifft.

Allerdings muss die Steinbranche sich hierfür dem Industriedesign zuwenden. Dessen Kennzeichen sind nicht nur hochwertige Form und Funktion, sondern die Herstellung in fabrikmäßiger Massenproduktion.

Um es anschaulicher auszudrücken: neue Chancen für die Natursteinbranche liegen nicht in der Badewanne aus massivem Naturstein. Solche und ähnliche Luxusgüter werden immer nur Randerzeugnisse einer Branche sein: für sie allein kann man weder einen Steinbruch offen halten noch die notwendigen Bearbeitungsmaschinen entwickeln und anschaffen.

Der Trend zum Industriedesign hat in der Steinbranche schon begonnen und war auf der Marmomacc in diesem Jahr so deutlich wie nie zuvor zu sehen. Statt der häufig überkandidelten und selbstverliebten Designerentwürfe der zurückliegenden Jahre zeigte die Aktion „Marmomacc Meets Design“ diesmal in der Mehrzahl bodenständige Entwürfe, die man sich durchaus in Wohnungen der Mittelschicht vorstellen konnte.

Die Firma Marsotto machte bei der Aktion mit und startete ihre „Edizioni“ mit ganz unspektakulären Produkten für den hochwertigen Alltag. Mit dieser neuen Marke setzte sie gleich auch noch einen neuen Trend, so kann man vorhersagen, nämlich den von Produktreihen mit klangvollen Namen. Sie gehören zum Beispiel in der Keramikindustrie schon lange zum Geschäft.

Der Designer Raffaello Galiotto zeigte auf der Marmomacc Wände aus Fertigteilen, die er für Lithos Design entwickelt hat. Die Verwendung für drinnen und draußen ist unbegrenzt, da die Teile leicht sind und bewegt werden können.

Damit aber das Industriedesign für Naturstein weiter vorankommt, müssen zwei Felder verstärkt bearbeitet werden: erstens wird eine Theorie gebraucht und zweitens muss sich die Branche den Frauen zuwenden. Richtig gelesen: den Frauen zuwenden.

Erstens: Mit einer „Theorie“ ist hier gemeint, dass die Hochschulen Leitlinien für ein steingemäßes Design entwickeln müssen. Bisher beschränken sich die Gestalter oft einfach darauf, ein herkömmliches Material durch Stein zu ersetzen. Die Badewanne aus Massivstein ist ein Beispiel für solch ein Design auf niedrigstem Niveau: das Material hat dort nichts mit der Funktion zu tun sondern wurde nur ausgewählt, weil es sich teurer verkaufen lässt als etwa Metall mit Emaille.

Mit solchen Konzepten kann man zwar Nischenmärkte erfolgreich bedienen. Eine Massenfertigung verlangt jedoch nach mehr von den Gestaltern.

Woran könnte sich ein spezielles Design für Stein orientieren? Klar, zum Beispiel am der Maserung des Materials. Das ist beim Holz nicht anders. Unsere Fotos zeigen Beispiele. Den Gedanken kann man dann noch weiter treiben: In Mosaiken ist schon lange üblich, mit den Farben und Strukturen im Material künstlich räumliche Effekte zu schaffen. Auch das typisch hohe Gewicht von Stein könnte von den Gestaltern genutzt werden.

Stein ist ein ökologisches Material, also sollte sich auch das im Design widerspiegeln. Patricia Urquiola orientierte sich mit ihrer Arbeit für „Marmomacc Meets Design“ an winzigen Lebewesen der Natur. Vielfach waren in der Vergangenheit solche Ideen schon groß in Mode, zuletzt vor etwa 100 Jahren, angeregt durch Ernst Häckels berühmtes Buch „Kunstformen der Natur“. Das zu Ende gedacht, wäre Design für Stein etwas wie Natur an und für sich, sozusagen.

Interessant für Gestalter sind immer auch die Spuren, die die Bearbeitung im Stein hinterlässt. Bei Sitzbänken aus massiven Blöcken werden gerne die Seitenflächen roh mit den Bohrungen aus dem Bruch belassen. Viel gelobt wurden schon Architektenideen, die bei Fassadengestaltungen das „Flattern“ der Säge im Werk auf den Platten offen zeigten.

Zweitens: wenn Stein sich den Bereich der Innenarchitektur erobern will, sind Frauen die Zielgruppe. Denn sie gestalten auf der ganzen Welt die Inneneinrichtung der Wohnungen und der Häuser. Dazu noch eine OECD-Zahl: 73 % der Investitionen der US-Haushalte werden von Frauen getätigt. In Europa sind die Zahlen ähnlich. Unter den Innenarchitekten sind Frauen überproportional vertreten.

Wie sehr hier die Steinbranche im Vergleich zu anderen Industriezweigen wahrhaft zurückgeblieben ist, zeigt das Beispiel von Antolini do Brasil, der brasilianischen Tochtergesellschaft des Marktführers aus Italien. Die ließ in diesem Jahr auf der Messe in Vitória nicht nur die Models in einem Dress aus Steinpailletten aufmarschieren, sondern gestaltete das Innere des Stands gleich als Bordell.

Aber: Wenn nun man Innenarchitekten und Designer als Ansprechpartner in den Blick nimmt, reicht es auch nicht aus, bloß das Material als solches zu zeigen. Präsentiert und inszeniert werden muss das, was man mit damit machen kann.

Man stelle sich einmal vor, die Stahlbranche würde bei ihren Ausstellungen nur polierte Bleche zeigen…

Bordellatmosphäre kreierte Antolini do Brasil an seinen Stand auf der Messe in Vitória 2009.