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Märkte: „Wohngemeinschaft“ mit dem Sonnenstrom

Fassade im neuen Walzwerk von ThyssenKrupp. Foto: ThyssenKrupp AG(Dezember 2009) Der neue Konkurrent ist unschlagbar: Solarzellen sind dabei, die Fassaden zu erobern, und es gibt nichts, was man gegen sie sagen oder tun könnte.

Nur eine Zahl dazu: Die Internationale Energie Agentur (IEA) hat im Oktober ihren „World Energy Outlook“ vorgestellt und kommt darin zu dem Schluss, dass die Energiepreise in den kommenden 20 Jahren kräftig ansteigen werden: für die USA, Europa und Indien wird sich bis zum Jahr 2030 der Anteil von Gas- und Ölimporten am Bruttosozialprodukt verdoppeln, für China sogar verdreifachen, und für Japan immerhin noch um das 1,5-fache zunehmen, teilte sie mit.

Und: Selbst für den Fall, dass bei der Klimakonferenz vom 7. bis 18. Dezember dieses Jahres in Kopenhagen nichts Exaktes in Sachen Kohlendioxid beschlossen wird, kann man vorhersagen, dass im kommenden Jahrzehnt immer mehr Firmen ihre Bürogebäude mit Solarzellen verkleiden werden. Der Grund ist, dass sie ihre laufenden Kosten senken und sich zudem einen sichtbaren Ausweis für ihr Umweltbewusstsein geben wollen.

Bisher hatte Naturstein in Fassadenverkleidungen etwa für Bürohochhäuser ein wichtiges Absatzgebiet.

Die Technik für großflächige Solaranalgen in der Senkrechten ist ausgereift. Wir wollen hier nur auf ein Beispiel verweisen, nämlich den CIS Tower einer Versicherungsgesellschaft in Manchester (siehe Foto). Er ist 122 m hoch und wurde bei der Modernisierung komplett mit Solarzellen von Sharp verkleidet. Damit verloren die Hersteller von Mosaikplatten, die ehemals die Außenhaut des Gebäudes geliefert hatten, auf Nimmerwiedersehen einen Abnehmer vieler Quadratmeter ihrer Ware.

Wer nun entgegnet, nur die Südfassaden eigneten sich für Solarzellen, ist nicht auf dem aktuellen Stand der Dinge. Die Technologie ist schon so weit, dass sogar Nordfassaden eine rentable Stromausbeute bringen. Außerdem: was die Gestaltungsmöglichkeiten angeht, gibt es neben den herkömmlichen Blau- und Grau-Tönen bereits Gelb, Violett und Grün. Weitere Farben sind in der Entwicklung.

Schließlich: auch transparente Solarzellen sind schon Standard. Von innen kann man durch sie fast ohne Beeinträchtigung hindurchschauen und von außen wirken sie wie Scheiben mit Sichtschutz. Vielfach findet man sie auf Bahnhofsdächern; wir verweisen hier nur auf den Bahnhof Stillwell-Avenue der New Yorker U-Bahn.

Verliert die Natursteinbranche damit unausweichlich den Markt für Fassadenverkleidungen? Keineswegs, allerdings muss sie sich mit dem neuen Konkurrenten beschäftigen, bevor es zu spät ist. Die Strategie muss heißen: wen man nicht vom Markt verdrängen kann, mit dem muss man in eine „Wohngemeinschaft“ ziehen.

Wie das aussehen kann, haben andere Branchen schon gezeigt – vermutlich eher als Spiel mit dem Neuen denn als gezielte Marketingstrategie.

Blech zum Beispiel ist ein altbekanntes Material für Fassaden. Der deutsche Stahlhersteller ThyssenKrupp hat in Duisburg-Beeckerswerth eine Außenhaut für sein neues Walzwerk mit Solarzellen und klassischen Blechen realisiert. Das sieht nicht nur großartig aus und führt vor, was in Kombination der beiden Materialien alles möglich ist. Es gibt dem Unternehmen auch einen Öko-Touch. Man betrachte die Pressefotos: das Grün der Wiese findet sich im gefärbten Blech wieder, und das Blau des Himmels in den Solarzellen – mehr Öko geht nicht mehr.

„Integrierte Solarzellen“ lautet der Fachbegriff für solche Kombinationen von Solarmodulen mit anderen Materialien.

Auch die Glasindustrie hat sich schon Gedanken gemacht. Am Verwaltungsgebäude der Schott AG in Mainz in Deutschland wurde in einem Treppenhaus farbiges Glas mit Solarzellen kombiniert. Modern und lebendig wirkt das Ganze – geprägt vom puren Spaß an der Gestaltung, wie ihn unsere Gegenwart liebt.

In einem anderen Beispiel wurde Holz mit Solarzellen kombiniert, dies allerdings nicht auf Initiative der Branche, sondern durch Eigentümer in der Kleinstadt Tübingen in Deutschland. Sie wollten ihr Mehrfamilienhaus rundum umweltfreundlich gestalten, und benutzten deshalb Holz für die „Wohngemeinschaft“ mit den Solarzellen. Hersteller der Zellen war die Sunways AG, die das inzwischen prämierte Projekt in ihrer Werbung herausstellt.

Die Fälle zeigen auch: dass Fassaden komplett mit Solarzellen verkleidet werden, ist zwar möglich, wird aber offenbar von den Auftraggebern nicht immer angestrebt. Vermutlich geht mit dem Wunsch, ein Gebäude vom Standpunkt der Energie auf den neuesten Stand zu bringen, auch das Bestreben einher, dem Erscheinungsbild ein Update zu verpassen.

Hier liegt die Chance für die Natursteinindustrie: die Solarzelle ruft geradezu nach „Mitbewohnern“ für ihre Fassaden.

Die Initiativen für solche Gestaltungsideen müssen zum einen von den Händlern und Großhändlern ausgehen. Schwer zu verstehen, dass die Fassaden ihrer Lager außen bisher nicht mit innovativen Stein-Ideen gestaltet sind.

Auch für die einheimischen Steinproduzenten liegt hierin eine Aufgabe, die gleichzeitig die einmalige Chance bietet, sich der ausländischen Billigkonkurrenz zu erwehren. Denn die „Wohngemeinschaft“ Stein-Solar ist nur dann wirklich ökologisch, wenn das Material nicht einmal um die halbe Welt transportiert worden ist. Anders ausgedrückt: die Steinfirmen können durch Architekturprojekte der Solarzelle den Anstrich geben, dass sie nur mit heimischem Stein gut zusammen wohnt.

In diesem Jahr fand übrigens wieder der Solardecathlon statt. Bei diesem internationalen Studenten-Wettbewerb des US-Energieministeriums geht es darum, ein möglichst umweltfreundliches Haus mit ebensolchen Materialien zu bauen. Bewertet werden zehn Disziplinen (daher der Name „Decathlon“ = Zehnkampf), unter anderem Energieeffizienz, Architektur und Behaglichkeit. Eine Webpage stellt die Projekte in Kurzfilmen vor; präsentiert worden waren sie im Sommer auf der Washingtoner Mall in Sichtweite des Weißen Hauses.

Bemerkenswert: Holz war als Baumaterial überall dabei, Stahl und Aluminium sowieso; Stein wurde nur beim Projekt des Teams Alberta benutzt, allerdings nur ganz am Rande.