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Stone Stories: prächtige Stein-Inlays und Preußens Unvernunft

(April 2012) Unbedingt einen Termin vormerken: Vom 28. April an ist im Potsdamer Neuen Palais im Park Sanssouci der berühmte Fußboden des Marmorsaals wieder zu besichtigen. Friedrich der Große (1712-1786) hatte ihn in Auftrag gegeben, als Preußen nach dem Siebenjährigen Krieg zu einer der europäischen Großmächte geworden war. Inzwischen wurde das herausragende Kunstwerk restauriert.

Aufwändige Einlegearbeiten prägen den Bodenbelag. Bei den Blumenmustern in vielfarbigem Naturstein mag der moderne Zeitgenosse sich gar nicht vorstellen, wie die Handwerker sie damals ohne Waterjet-Technologie erstellen konnten. Verwendet wurden Steinsorten, die Friedrich II, der Sohn des Soldatenkönigs, auch der Alte Fritz genannt, aus ganz Europa heranschaffen ließ.

Dabei war das ganze Projekt von Anfang an durch eine große Unvernunft des Herrschers gekennzeichnet. Aus Anlass des „Tags der Steine in der Stadt“ gab es im vergangenen Oktober eine Führung dazu, und bei dem Vortrag von Stefan Klappenbach von der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG) ging es auch um den Zeitdruck, unter dem das Vorhaben von Anfang an stand: Denn der König wollte das Neue Palais, erbaut von 1763 bis 1769, möglichst schnell fertig gestellt sehen, sollte es doch die Macht und den Reichtum Preußens demonstrieren. Als „lautstarke Prahlerei“ („Fanfaronnade“) soll der König es selber einmal bezeichnet haben.

Von Anfang an hatten die Bauleute vor Problemen mit dem gewaltigen Gewicht des Marmorfußbodens gewarnt: Er würde rund 90 t wiegen, und die ließen sich eigentlich nur über ein gemauertes Gewölbe darunter abfangen. Solch eine Konstruktion aber wollte der König partout nicht. Denn dann hätten im Grottensaal darunter die Pfeiler enger stehen müssen.

Also hieß die Aufgabe für die Bauleute, die ganze Breite des Saals mit durchgehenden Balken zu überbrücken. Überall im Land wurden Bäume gesucht, aus denen man Holzträger von 19 m Länge schneiden konnte. Jeweils 2 von ihnen wurden miteinander verzahnt.

Vielleicht hätte diese Tragekonstruktion die Last des Steinfußbodens (plus der daran hängenden Grottendekoration des Saals darunter) noch ausgehalten – dies jedoch auf jeden Fall nur dann, wenn das Holz korrekt behandelt, also über lange Jahre gelagert worden wäre. Das geschah aber nicht.

Und auch das tragende Mauerwerk drumherum, in das die Balken an ihren Enden eingelegt wurden, ließ man nicht hinreichend trocknen.

Schließlich gelangte zum Schluss noch zusätzliches Wasser in die Decke, als die steinernen Einlegearbeiten geschliffen und poliert wurden.

Die ganzen Baumängel und der sozusagen königliche Pfusch führten dazu, dass sich der Boden schon bald absenkte und sich niemand mehr traute, ihn zu betreten. Immer wieder gab es Versuche, das Problem zu lösen: Mehrfach wurde der komplette Steinbelag hochgenommen und wurden Verstärkungen darunter eingezogen. Als eine der Verbesserungen führte man die Sandsteinplatten dünner aus, in denen die Einlegearbeiten ruhen.

Letztendlich konnte das alles das Problem jedoch nicht lösen, und für lange Jahre lag der Marmorsaal quasi im Dornröschenschlaf.

Im Jahr 2008 wurde die dramatische Situation entdeckt. Für die Sanierung war klar, dass der Boden nicht noch einmal hochgehoben werden konnte. In einer unglaublichen Leistung der Ingenieure und Restauratoren gelang es den Firmen und der Schlössererwaltung, dennoch Verstärkungen in die Decke einzubringen und so die steinerne Pracht zu sichern.

Für Besucher gibt es jetzt eine gläserne Plattform einige Zentimeter über der Steinfläche. Die Sanierung des Bodens und der Decke darunter kostete 4,4 Millionen €.

Übrigens: Beim Besuch des Marmorsaals sollte man auch einen Blick auf die Wände werfen. Sie sind 2 Etagen hoch und mit schlesischem Marmor verkleidet, und man kann vermuten, dass der Preußenkönig mit dieser Dekoration Werbung für diese Steine machen wollte, die seit den Siegen im Osten Produkte aus seinem Herrschaftsbereich geworden wurden.

Trotz dieses „Marketings“ aber wurde der schlesische Marmor nie wirklich berühmt. Denn er kann sich weder von seinem Erscheinungsbild noch von seiner Materialqualität her etwa mit dem Stein aus Carrara messen.

Um nur noch zwei weitere Stein-Sehenswürdigkeiten im Park Sanssouci zu erwähnen: im Neuen Palais befindet sich auch die Marmorgalerie mit reichlich steinerner Pracht auf dem Fußboden und an den Wänden.

Und rund um die Fontäne am Fuß des Weinbergs mit dem Schloss obendrauf stehen jene Marmorfiguren, die der französische König Louis XV seinem preußischen Kollegen schenkte. Genauer: es handelt sich um Kopien der Originale, allerdings Kopien in beispielloser Werktreue ausgeführt ebenfalls in Carrarmarmor, und einige davon sind Arbeiten, die der Preußenkönig in einer eigens gegründeten Werkstatt von eigenen Künstlern hatte herstellen lassen.

Übrigens, und wir geraten jetzt ins Quatschen: bemerkenswert am Schloss ist auch der Schriftzug „Sans,Souci“ an der Fassade. Was das Komma soll, weiß niemand.

Stiftung Preußische Schlosser und Gärten

Video aus dem Jahr 2009 zum Beginn der Arbeiten am Marmorfußboden

Spendenaktion Ein Quart Geschichte