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Architektur: „Gardinen“ aus Stein

Zu jeder Uhrzeit...(Oktober 2009) In Versailles zu bauen ist eine besondere Herausforderung. Denn dort ist das Schloss des Sonnenkönigs, Ludwigs XIV., das Maß der Dinge, und dem sind die Häuser mit ihren barocken Fassaden gnadenlos untergeordnet. Wenn es bei dem Projekt dann noch um den Umbau der Kunsthochschule École des Arts Décoratifs geht, bei der das Gebäude auch zeigen soll, was darin passiert, und zudem Tageslicht ins Haus fallen muss, ohne dass die Lernenden wie auf dem Präsentierteller sitzen, wird die ganze Sache komplex.

Eine ungewöhnliche Lösung hat Platane Beres, Gründer des Büros Platane Architecte in Paris, gefunden. Mit dem Kalkstein Pierre de Chamesson als Material seiner Fassade zur Straße hin zollt er dem traditionellen Baustoff Versailles’ Tribut. Allerdings hat er keine einfache Mauer vom Boden über 6 m bis zum Dach errichtet, sondern eine Art von steinernen Gardinen vorgehängt. Dahinter wechseln sich als Gebäudewand die senkrechten Streifen der Fenster mit denen aus Kalkstein ab.

Durch diese Konstruktion kann Tageslicht ins Gebäude fallen, ohne dass die direkte Sonne die Arbeit der Künstler stören würde. Außerdem wird das Gebäude gewissermaßen für Passanten geöffnet, indem schräge Blicke ins Innere des hallenhohen Erdgeschosses möglich sind. Schließlich vermindert die Anordnung den Lärm des Kopfsteinpflasters von der Straße.

Der Kunsthochschule als Auftraggeber zollte der Architekt dadurch Tribut, dass seine „Gardinen“ nicht glatt sind, sondern per CNC-Maschine mit Erhebungen geformt wurden. Ein bisschen nach Skulptur im Entstehen sehen sie dadurch aus, vielleicht. Zumindest aber machen sie einen sehr sinnlichen Eindruck.

Die „Gardinen“ wirken leicht, so wie gute Kunst scheinbar mühelos daherkommt. Dabei bringen ihre Einzelteile mit 2 m Breite, 1,20 m Höhe und einer variierenden Dicke zwischen 30 und 70 cm in massivem Stein erhebliche Lasten an die tragenden Pfeiler, an denen sie aufgehängt sind. Die Pfeiler bestehen aus Stahlbeton und haben 35 cm Durchmesser.

Die aufwändige Befestigungstechnik, von dem Architekten entworfen und von der Firma Metallique Ile de France realisiert, ist der einzige Aspekt, dem Beres keinen sichtbaren Tribut gezollt hat. Noch nicht einmal von rückwärts ist zu sehen, wie die Platten hinten exakt gefräst und mit den Betonpfeilern verschraubt sind. Die Bearbeitung der Steinplatten besorgte die Firma 3D Pierre.

Platane Architecte

3D Pierre

Angaben zu der ganz anders gestalteten rückseitigen Fassade und zum Inneren des Gebäudes: Zeitschrift Interior Design.

Über Details der Aufhängung der Platten berichtete die französische Zeitschrift Pierre Actual in ihrer Ausgabe 5/2009 (zu bestellen für 12 €).

Fotos: Eric Laignel