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Lesen in Feuerstein-Werkzeugen: Ötzi war wahrscheinlich sozial isoliert und hatte eine harte Zeit

Eine von Ötzi’s Speerspitzen. Quelle: Wierer et al (2018)

Forscher interpretierten den Zustand der der Pfeilspitzen und der Klinge und vermuten, dass der Gletschermann keinen Zugang zu Handel und Gemeinschaft hatte

Auch ohne eingemeißelte Inschriften kann Stein viel über das Leben der Menschen in der Vergangenheit erzählen. Im Fall des Gletschermanns Ötzi sind es die Werkzeuge aus Feuerstein: Untersuchungen eines Teams von Wissenschaftlern um Ursula Wierer von der Soprintendenza Archeologia in Florenz haben ergeben, dass der Gletschermann wahrscheinlich sozial isoliert und in den letzten Tagen seines Lebens vielleicht sogar auf der Flucht war.

Die Mumie war im Jahr 1991 auf dem Tisenjoch in den Südtiroler Alpen in etwa 3200 m Höhe gefunden worden. Ötzi lebte vor circa 5300 Jahren in der Bronzezeit und war nach seinem Tod in einem Gletscher eingefroren worden.

Die Mumie hatte verschiedene Werkzeuge aus Feuerstein mit sich, einen Dolch, einen Kratzer zum Herstellen von Klingen, einen Bohrer und mehrere Pfeilspitzen. Aus Holz und Geweih bestand ein so genannter Retuscheur, mit dem sich Feuerstein-Werkzeuge schärfen lassen.

Dass der Feuerstein aus einem relativ großen Gebiet mit 70 km Umkreis um das Tisenjoch stammte, ist nicht wirklich überraschend. Schon länger weiß man, dass besonders wertvolle Feuersteine über Handelswege über ganz Europa verfrachtet wurden.

Jedoch ergaben sich aus dem Zustand von Ötzis Werkzeugen zahlreiche neue Erkenntnisse. Denn viele waren sehr stark abgenutzt, einige eigentlich nicht mehr zu gebrauchen. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass es um ihn nicht gut bestellt war. Denn die Pflege der Werkzeuge und Waffen war ehemals ein wichtiger Teil des täglichen Überlebenskampfs.

Nimmt man nun noch Analysen von Essensspuren aus seinem Darm hinzu, kommt man zu der Vermutung, dass er sozial isoliert war. Denn kurz vor seinem Tod war auf 1200 m Höhe abgestiegen – vielleicht wollte er dort einen Werkzeugmacher oder Händler treffen, um seine Bestände aufzufrischen. Möglicherweise hatte ihn irgendetwas daran gehindert.

Anschließend jedenfalls stieg er schnell wieder auf 3200 m Höhe auf, wo ihn der Pfeil in die Schulter traf und er schnell verblutete. Dieser tödliche Treffer von hinten war wahrscheinlich nur „die letzte in einer ganzen Reihe von Schwierigkeiten, denen Ötzi sich gegenübersah“, schreiben die Wissenschaftler.

Wierer U, Arrighi S, Bertola S, Kaufmann G, Baumgarten B, Pedrotti A, et al. (2018) The Iceman’s lithic toolkit: Raw material, technology, typology and use. PLOS ONE 13(6): e0198292.

Der komplette Forschungsbericht ist im Magazin PLOS ONE erschienen und kann kostenlos online gelesen werden.

Die Forschungen wurden unterstützt vom Südtiroler Archäologiemuseum und der Freien Universität Bozen.

(03.07.2018)