Steinmauer-Bäume (Stone Wall Trees) sind eine ökologische Besonderheit in den subtropischen Metropolen Asiens

Stone Wall Trees in der Forbes Street, Hongkong. Foto: Forz / <a href="https://commons.wikimedia.org/"target="_blank">Wikimedia Commons</a>, <a href=" https://en.wikipedia.org/wiki/Creative_Commons_license"target="_blank">Creative Commons License</a>

Meist handelt es sich um die Chinesische Feige (Ficus microcarpa), die sich an extremen Standorten in der Innenstadt prächtig entwickeln kann

Der Name scheint einen Widerspruch in sich zu tragen: Steinmauer-Bäume (Stone Wall Trees) gibt es in den subtropischen Metropolen Asiens, und ihr Lebensraum sind tatsächlich hohe Mauern aus Stein. Sie strecken ihr Wurzelwerk wie ein Netz über die Quader und haben beachtliche Kronen. Sie bieten Lebensräume vor allem für Vögel, Insekten und andere Kleintiere, im Stadtklima sorgen sie für schattige Orte mit erträglichen Temperaturen.

Bekannt sind sie vor allem aus Honkong, wo es seit einigen Jahren Bemühungen um den Erhalt der teils 100 Jahre alten Riesen gibt. Aber auch aus Städten auf dem chinesischen Festland oder aus der Sonderverwaltungszone Macau sind sie bekannt.

Man darf ihre Standorte nicht mit Trockenmauern verwechseln, die aus nur gestapelten Steinbrocken ganz ohne Mörtel bestehen. Hier handelt es sich um exakt geformte Steinquader, in deren Fugen der Zement als Klebemittel dient.

Dass auf ihnen Bäume wachsen können, ist eine Spielerei der Natur mit einer bestimmten Pionierart, der Chinesischen Feige (Ficus microcarpa).

Auf Hongkong Island, das eigentlich nichts als ein steiler Bergkegel ist, ließ die britische Kolonialregierung ab 1850 an den Hängen Stützmauern hochziehen, um den häufigen Hangrutschungen etwas entgegenzusetzen. Die Arbeiten führten chinesische Steinmetze aus.

Bei den Steinen für die Mauern handelte es sich um Granite oder vulkanische Sorten, meist mit 30-40 cm Höhe und 20-60 cm Länge, wie es auf der Webpage Willowherb Review heißt.

Die Bäume kamen mit den Vögeln hinzu, nämlich als Samen in deren Kot.

Stone Wall Trees in der Forbes Street, Hongkong. Foto: Doung PINMAIrypa Lungingae / <a href="https://commons.wikimedia.org/"target="_blank">Wikimedia Commons</a>, <a href=" https://en.wikipedia.org/wiki/Creative_Commons_license"target="_blank">Creative Commons License</a>

Die Chinesische Feige hat nun ein paar außergewöhnliche Eigenschaften: sie kann ganz ohne Bodensubstrat zum Beispiel auf anderen Bäumen wachsen, sofern es dort ausreichend Nährstoffe und Feuchtigkeit (per Luft und Regen) gibt. Ein Schmarotzer ist sie jedoch nicht. Ständig treibt sie Luftwurzeln aus – erreichen diese den Boden oder einen Fels, verholzen sie und werden alsbald zu einem stabilen Wurzelnetzwerk an der Außenwand zum Beispiel einer Hangmauer.

Andere Wurzeln wachsen durch die Fugen der Mauer hindurch nach hinten und holen Nährstoffe und Wasser aus den Aufschüttungen auf der anderen Seite.

Aus Sicht der Chinesischen Feige sind die Mauern also ein idealer Lebensraum – zumal die Pflanze Trockenperioden gut überdauert, indem sie in den Luftwurzeln Regenwasser speichert. Auch mit der Stadtluft und anderem Stress kommt sie gut zurecht.

In einer Untersuchung in der Zeitschrift „Nature“ (Januar 2022 ) wurde eine Bestandsaufnahme der Arten von Steinmauer-Bäumen vorgelegt, dies vorrangig für Macau, aber darüber hinaus neben Hongkong aber auch für die chinesischen Städte Jingzhou, Nanjing, Zhejiang, Chongqing und für das Pearl River Delta. Zahlreiche Sorten wurden identifiziert, aber mit deutlichem Übergewicht hat die Chinesische Feige diesen exklusiven Lebensraum erobert.

Um 2015 hatten Bürger den sowohl ökologischen als auch kulturellen Wert dieser ungewöhnlichen (Selbst-)Pflanzungen in Asiens Städten erkannt. Damals war in Hongkong ein Baumriese aus einer Mauer herabgestürzt und lag quer über eine zweispurige Straße am Hang. Die Stadtverwaltung stufte weitere Bäume als instabil ein und ließ einige absägen.

Es regte sich Bürgerprotest, und in der Folge widmeten sich auch Wissenschaftler der Ökologie und der Geschichte dieser grünen Nischen. Die American Society of Landscape Architects (Asla) vergab 2019 einen Ehrenpreis an den Studenten Anson Ting Fung Wong für seine Webpage zum Thema und für ein Video, in dem die Bäume als „schweigende Mitglieder der Nachbarschaft“ bezeichnet werden.

Stone Wall Trees in der Hospital Road, Hongkong. Foto: Puiatom Woa uovyoad / <a href="https://commons.wikimedia.org/"target="_blank">Wikimedia Commons</a>, <a href=" https://en.wikipedia.org/wiki/Creative_Commons_license"target="_blank">Creative Commons License</a>

In Hongkong engagiert sich die Umwelt-Gruppe Changchun Society für den Erhalt der Steinmauer-Bäume. Aktuell hat das Thema eine besondere Bedeutung, weil viele dieser Pflanzen ihr Lebensalter von um die 100 Jahren erreichen. Sie müssen die Möglichkeit haben, Luftwurzeln in den Mauern zu platzieren, damit diese zu neuen Stämmen werden können und die Stabilität der Bäume erhalten bleibt.

In Macau will man aktuell in der historischen Altstadt ein Wegesystem zu den Steinmauer-Bäumen [Stone Wall Tree Trail System] entwickeln. Es soll den Bürgern und auch Touristen dieses Naturerbe nahebringen. In dem Beitrag in „Nature“ wird darauf verwiesen, dass die Stadtverwaltung dazu passend schon 2012 das Projekt „Spaziergang entlang der Straße von Macau“ ins Leben gerufen hat.

Übrigens: gedüngt oder gewässert hat noch nie jemand die Steinmauer-Bäume.

Webpage zu den Steinmauer-Bäumen

Video

Willowherb Review

Nature: „Species characteristics and cultural value of stone wall trees in the urban area of Macao“

Anson Ting Fung Wong

(14.03.2022)