Ein Buch über die spätgotische Baukunst in vielen Dorf- und Stadtkirchen in Unterfranken zeigt Sehenswertes abseits der Städte

Dettingen am Main, Kirche St. Hippolytus: Detail des kunstvollen Sakramentsgehäuses mit verschlungenem Rutenwerk auf dem Maßwerk.

Würzburg bekam 1515 eine überregional bedeutende Bauhütte für das Hofbauwesen

In der Forschung zur Baukunst der deutschen Spätgotik gab es bis jetzt einen weißen Fleck: „Die Forschung kümmerte sich vorzugsweise um Großbauprojekte wie in Nürnberg, Nördlingen oder Frankfurt. Die Baukunst in Unterfranken war in der Fläche kaum sichtbar“, sagt Professor Stefan Bürger vom Institut für Kunstgeschichte der Universität Würzburg.

Nun aber liegen die Dinge anders: Bürger hat ein zweibändiges Buch vorgelegt, das kunsthistorisch interessierten Leserinnen und Lesern die spätgotische Baukunst im Regierungsbezirk Unterfranken näherbringt – dokumentiert und illustriert durch mehrere tausend Fotos, die zumeist Birgit Wörz als Institutsfotografin anfertigte.

Erstmals hat die Wissenschaft damit eine Region in den Blick genommen, die bisher nicht durch herausragende Bauten der Spätgotik (15. / 16. Jahrhundert) auffiel. Die Ergebnisse zeigen, dass sich Unterfranken baukünstlerisch durchaus präsentabel zeigt: In seinem Buch stellt Bürger einige überraschende Befunde vor.

Die Marienkirche in Königsberg in Bayern zum Beispiel. Dass sie einen baukünstlerisch hervorragend gestalteten Turm besitzt, ist kein Zufall. Um 1400 kam die Stadt unter die Herrschaft der Wettiner. Und diese Fürstendynastie drückte ihren neu erworbenen Herrschaftsanspruch auch medial mit den Mitteln der Baukunst aus, über eine handwerklich hochwertige und prachtvolle Gestaltung des Kirchenbaus.

Wer hat vor Ort das Sagen, wie wirken sich die jeweiligen Herrschaftsverhältnisse auf die Baukunst aus? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Denn Machtinteressen und Machtdarstellung waren oft ein ganz wesentlicher Antrieb für die Bautätigkeit.

In Münnerstadt ist die Kirche St. Maria Magdalena besonders für ihren Riemenschneider-Altar bekannt. Stefan Bürger hat dort noch etwas anderes bemerkt: „Im Südschiff findet sich ein für die Region ungewöhnliches Gewölbe, wie ich es auch aus der Kirche in Podelwitz bei Leipzig kenne“, sagt der Professor. Er vermutet einen Zusammenhang: Münnerstadt wie Podelwitz gehörten zum Einflussgebiet des Deutschen Ordens.

Weiter nach Dettelbach mit seiner bekannten Wallfahrtskirche Maria im Sand. Großes war dort auch beim Bau der Stadtpfarrkirche St. Augustinus geplant, und zwar ein ambitionierter dreischiffiger Hallenchor mit großem Gewölbe. Vollendet wurde der Plan aber nicht, und darum steht das Gotteshaus noch heute baulich wie ein Torso da.

Dann sind da die Kirche in Dettingen/Main mit ihrer schönen Chorausstattung oder die Kirche in Bad Königshofen mit ihrer kunstvollen Empore samt damals modernstem Schlingrippengewölbe von hoher Qualität. Die Marienkapelle in Würzburg, St. Johannes in Kitzingen, diverse Sakral- und Profanbauten in Ochsenfurt, Kapellen in Haßfurt, Großlangheim oder Bürgstadt, ein Turm in Wettringen, die verlorene Kanzel von Heidingsfeld – oder, oder, oder. „Ich könnte mit der Aufzählung immer so weitermachen“, sagt Stefan Bürger.

Bad Königshofen, Kirche Mariä Himmelfahrt: Detail der repräsentativen Westempore mit sphärisch verlaufenden Bogenprofilen und modernem Schlingrippengewölbe. Fotos: Stefan Bürger, Universität Würzburg

Das neue Buch stellt rund 250 Bauwerke vor. Das sei aber nur ein erster Überblick, wie der Würzburger Kunsthistoriker betont. Vertiefende Studien müssten folgen. Außerdem gebe es ein Manko zu beheben: Es klafft noch eine Lücke im mittleren 16. Jahrhundert, in dem Zeitraum also, bevor Würzburgs Fürstbischof und Universitätserneuerer Julius Echter von Mespelbrunn an die Macht kam.

Die erstaunlichste Erkenntnis aus seiner Studie sieht Stefan Bürger auf einem Gebiet, das sich mit der Organisation des Bauwesens befasst. Sie betrifft die sogenannten Bauhütten, also die Handwerksverbände der lokalen Kirchenbaustellen, der städtischen oder landesherrlichen Bauwesen, besonders jene, die sich seit 1459 unter Führung Straßburgs in einer Bruderschaft zusammenschlossen.

Aus Quellen konnte der Professor herauslesen, dass Würzburg 1515 als eine von zwölf Städten – darunter Augsburg, Ulm oder Freiburg – zum Standort einer überregional bedeutenden Haupthütte und damit als ein Gerichtsort für das Steinmetzhandwerk ernannt wurde. 1518 wurde die Würzburger Haupthütte als Gerichtsinstanz im sogenannten Annaberger Hüttenstreit eingeschaltet und war über längere Zeit involviert.

Wie das, wo doch in der Stadt gar kein Münster oder dergleichen gebaut wurde? „Es gab hier ein Hofbauwesen. Der damals herrschende Fürstbischof Lorenz von Bibra ließ domkapitulare und landesbauherrliche Projekte mit Hilfe am Hofe beamteter Werkmeister realisieren.“

Stefan Bürger identifizierte bei seinen Recherchen zur Würzburger Haupthütte zwei wichtige Namen, Werkmeister Hans Bock und Martin Knoch (Merten Knochen). Letzterer war bislang völlig unbekannt, aber offenbar eine führende Meisterpersönlichkeit: Knoch hatte auf Lebenszeit das Amt des Obersten Landes- und Domwerkmeisters inne.

„In Würzburg ist ja vor allem Julius Echter für seine umfangreiche Bautätigkeit berühmt. Es gab aber schon vor seiner Zeit Fürstbischöfe wie Rudolf von Scherenberg oder Lorenz von Bibra, die offensichtlich ein Bauprogramm verfolgten. Das hatte die Forschung bisher nicht auf dem Schirm“, sagt der Kunsthistoriker.

Stefan Bürger: „Spätgotische Baukunst in Unterfranken. Ein Überblick zur Baukultur von 1370 bis 1530“. Echter Verlag Würzburg 2022, Sonderveröffentlichung in der Reihe „Quellen und Forschungen zur Geschichte von Bistum und Hochstift Würzburg“. Band 1: 590 Seiten, Band 2: 684 Seiten. 99 Euro, ISBN 978-3-429-05593-6 (Gesamtausgabe)

Quelle: Universität Würzburg

(21.07.2022)