Die Stufenbrunnen in Indien zählen zu den wohl ungewöhnlichsten Steinbauten weltweit

Stepwell in Indien.

Geometrisch komplex angelegte Treppen führen zu den Wasserreservoirs in manchmal 30 m Tiefe / Verzierungen mit vielfältigen steinernen Skulpturen

Unter Brunnen versteht man überall auf der Welt Löcher im Boden, die in die Tiefe führen, die im Allgemeinen abgemauert sind und aus denen Wasser nach oben gehoben wird. In den trockenen Regionen im westlichen Indien aber gibt es die so genannten Stufenbrunnen (stepwells): es sind Wunderwerke der Architektur, wo Treppen über manchmal 10 Ebenen (30 m) nach unten zum Wasser führen. Meist sind sie aus lokalem Sandstein gemauert und mit überaus reichlichem Dekor verziert.

Eine Untersuchung aus dem Jahr 2018 kam zu der Erkenntnis, dass es in ganz Indien etwa 2800 solcher Stufenbrunnen gibt. In Hindi heißen sie baoli oder baori, in Gujarati vav, wie die BBC in einem Feature aus dem Jahr 2021 berichtet.

Sie sind auch Beispiele dafür, wie die Menschen schon vor langer Zeit mit der knappen Ressource Wasser umzugehen wussten.

„The Queen’s Stepwell“. Foto: Bernard Gagnon / Wikimedia Commons

Zu den bekanntesten zählt der Rani-ki-Vav, der „Stufenbrunnen der Königin“ (The Queen’s Stepwell) in Patan im Bundesstaat Gujarat. Die Anlage wurde 2014 in die Unesco-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Das Dekor der Anlage huldigt der Göttin des Wassers und umfasst mehr als 500 größere und über 1000 kleinere Skulpturen, die Bezüge haben zum Glauben, aber auch zum Alltag der Menschen oder sogar Themen aus der Literatur aufgreifen.

Die Stufen in die Tiefe sind auf 3 Seiten der Anlage in geometrischer Perfektion ausgeführt. Auf der 4. Seite sind die Wände zu Pavillons mit Säulen erweitert. Die Pracht an Skulpturen ist überwältigend, dazu zählen anmutige Darstellungen von jungen Mädchen, die ihr Haar kämmen, ihre Ohrringe ausrichten oder sich im Spiegel betrachten.

Experten vermuten, dass solche Motive unter anderem darauf zurückgehen, dass das Wasserholen zu den Aufgaben der Frauen zählte.

In vielen Stepwells diente die unterste Ebene auch als sozialer Treffpunkt. Denn die Temperatur liegt dort oft um 5 Grad und mehr unter der brütenden Hitze an der Oberfläche.

Überliefert ist, dass am Grund vieler Stufenbrunnen religiöse Rituale abgehalten wurden.

Stepwell in Adalaj. Foto: Ujjwaip / <a href="https://commons.wikimedia.org/"target="_blank">Wikimedia Commons</a>, <a href=" https://en.wikipedia.org/wiki/Creative_Commons_license"target="_blank">Creative Commons License</a> Stepwell in Adalaj. Foto: Raveesh Vyas / <a href="https://commons.wikimedia.org/"target="_blank">Wikimedia Commons</a>, <a href=" https://en.wikipedia.org/wiki/Creative_Commons_license"target="_blank">Creative Commons License</a>

Zahlreiche Stufenbrunnen im Stadtgebiet der Hauptstadt Neu Delhi dienen heutzutage den Menschen als Schwimmbad. Aber auch hier, vergleichbar dem Bad im Ganges, hat das Wasser eine wichtige religiöse Bedeutung, wie es in einem Video heißt.

Entstanden sind die Stepwells, so wird vermutet, aus einfachen Gräben, die ursprünglich zum Wassermanagement durch die Landschaft gezogen wurden.

Allmählich aber grub man sich auch in die Tiefe bis auf die Ebene des Grundwassers herunter. Dessen Höhe schwankte in Abhängigkeit von der Regenzeit, so dass übers Jahr zwar nur unterschiedliche Ebenen erreichbar waren, jedoch immer Wasser zur Verfügung stand.

Es gibt zwei Arten von Stufenbrunnen, solche mit Becken an der Oberfläche und solche mit einem Reservoir in der Tiefe.

Die in der Tiefe sieht man eigentlich nicht – vor dem Wanderer öffnet sich plötzlich der Schacht. Bei manchen gibt es ganz oben um den rechteckig ausgemauerten Brunnen eine Schräge, die dafür sorgt, dass nicht Regenwasser zusammen mit Boden in die Tiefe gespült wird.

Denn in den ariden Regionen Indiens herrscht das Monsunklima: das ganze Jahr über ist es trocken, aber während der Monate im Sommer gießt es wie aus Badewannen.

Viele dieser wohl ungewöhnlichsten Steinbauten weltweit sind verfallen oder stehen vor dem Zerfall. Ein wichtiges Buch zum Thema ist „Vanishing Stepwells of India“. Darin bezeichnen die beiden Autoren die Stufenbrunnen malerisch als „Tore zur Unterwelt“.

Rani-ki-Vav (The Queen’s Stepwell)

Video

BBC

„Vanishing Stepwells of India“, Victoria Lautmann, Divay Gupta, 2017, Merrell Publishers Ltd, ISBN: 9781858946580

International Journal of Research in Engineering, Science and Management (2019)

Interesting Engineering

The Smithsonian Magazine

(01.08.2022)