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Vor 50 Jahren: die Stein-Tempel von Abu Simbel werden umgesetzt

Eine der Statuen von Ramses II. bekommt am neuen Standort ihr Gesicht zurück. Foto: Per-Olow Anderson / Wikimedia Commons

Die riesigen Statuen, die aus einer Sandstein-Anhöhe herausgearbeitet waren, mussten mit der Technologie der 60er in tausende Blöcke zerschnitten werden

Das wegweisende Projekt wurde offiziell am 22. September 1968 abgeschlossen: an jenem Tag war der Abbruch und die Versetzung der Tempel von Abu Simbel abgeschlossen. Damit wurde ein rund 3000 Jahre altes Monument aus pharaonischen Zeiten vor den steigenden Fluten hinter dem Assuan-Staudamm gerettet. Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser ließ den Damm errichten, um Strom zu erzeugen, Wasser für Bewässerungen zu gewinnen und die jährlichen Nilfluten abzustellen.

In den Augen vieler Menschen der damaligen Zeit war es legitim, auf dem Weg in die Zukunft die Überbleibsel der Vergangenheit zu zerstören. In dieser Hinsicht zeigte das Abu-Simbel-Projekt neue Denkansätze. Neu war auch die Kooperation auf internationaler Ebene zum Schutz der Kultur, die es bisher nur bei militärischen oder wirtschaftlichen Zielsetzungen gegen hatte.

Präsident Nasser kam Anfang der 1960er mit seinem Staudamm-Plan heraus, und bald schon rief die Unesco ihre Mitgliedsstaaten auf, 13 bedrohte Bauwerke aus altägyptischer Zeit zu schützen.

Diese Monumente wurden von 1963 bis 1968 gerettet. Besondere Herausforderungen stellten die beiden Tempel von Abu Simbel, der große für Pharao Ramses II. und der kleinere nebenan für seine Gemahlin Nefertari.

Beide Heiligtümer waren um 1260 v. Chr. aus einer Sandstein-Anhöhe herausgearbeitet worden. Über Jahrhunderte waren sie in Vergessenheit geraten, bis der Schweizer Orientalist Jean-Louis Burckhardt sie im Jahr 1813 wiederentdeckte.

Für die Rettung hatte die Unesco aus den vielen internationalen Vorschlägen ein schwedisch-ägyptisches Konzept ausgewählt. In dessen Mittelpunkt stand, die beiden Tempel in 1035 Steinblöcke und Teile des Hügels in 7700 Blöcke zu zerlegen, diese an einen Ort 180 m weiter landeinwärts und 63 m höher zu transportieren, sie dort wieder zusammenzusetzen und drumherum die originale Landschaft wieder entstehen zu lassen.

Der Ramses-Tempel von Abu Simbel am neuen Standort. Foto: Olaf Tausch / Wikimedia Commons

Ein Film auf der Webpage der Unesco beschreibt die Details (Link siehe unten). Wir wollen nur ein paar Aspekte mit Bedeutung aus Naturstein-Sicht nennen:
* die äußeren Teile der Anhöhe konnten mit gewöhnlicher Steinbruch-Technik abgetragen werden;
* jedoch mussten die Statuen und die Wände der Tempelräume, die sich 63 m tief in den Hügel erstreckten, von Hand mit Sägen zerschnitten werden;
* der Sandstein war extrem zerbrechlich und musste mit Injektionen von Harz stabilisiert werden;
* nach dem Wiederaufbau am neuen Ort wurden die Fugen geschlossen und die Oberflächen der Statuen gesichert.

Eine wichtige Rolle in dem Projekt spielte die „Scuola d’arte e mestieri“ im Chiampo-Tal im Norden Italiens.

Etliche Bücher sind über das 8-jährige Vorhaben geschrieben worden:
* es gab großen Zeitdruck, da der Lake Nasser bereits geflutet wurde – vor den Tempeln wurde deshalb ein Schutzdamm aufgeschichtet, der jedoch unter Gefahr geriet, als es am Oberlauf des Nils ungewöhnlich heftige Regenfälle gab;
* in den Räumen hinter den Statuen sorgte ein ausgeklügeltes Gerüst für Stabilität während des Zersägens, beim neuerlichen Zusammenbau tat es wieder gute Dienste;
* am neuen Standort wurden über den Tempelräumen weit gespannte Betonschalen errichtet, auf denen die Steine für die neue Anhöhe ausgelegt wurden.

Die örtliche Verschiebung ist so perfekt, dass wie in alten Zeiten am 21. Februar und am 21. Oktober das Licht der aufgehenden Sonne die hinterste Kammer im Ramses-Tempel erreicht.

Angeleuchtet werden dann 3 der Götterfiguren dort (wobei die Statue des Gottes der Unterwelt nicht wirklich erhellt wird). Ramses ist einer der Götter, die ins Licht gesetzt werden; vermutlich sollte damit dokumentiert werden, dass er derjenige ist, der den Willen der Götter auf der Erde umsetzt.

Üblicherweise wurde im alten Ägypten dieses Ritual der so genannten Vereinigung mit der Sonne so inszeniert, dass die Statuen der Götter zum Sonnenaufgang aufs Dach gestellt wurden.

Moderne Geschichtswissenschaftler verstehen Abu Simbel auch als klare Botschaft an die Völker südlich von Ägypten: die Größe der Statuen und die Inschriften über die militärischen Erfolge von Ramses II. sollten klarstellen, über welche Macht das Pharaonenreich verfügte.

Der originale Standort der Tempel ist heutzutage vom Lake Nasser überspült.

Film

Autorin: Eva Martín Martínez

(07.10.2018)