Nach dem Bergsturz am Piz Cengalo im Jahr 2017 werden im Bergell in den Schweizer Alpen die neuen Schutzbauten nach einem wegweisenden Konzept errichtet

Vor dem Bergsturz vom August 2017: vorne rechts kommt der Bach Bondasca ins Bild und mündet in der Bildmitte in das Flüsschen Mera, die nach links talabwärts fließt.Dieselbe Ansicht nach dem Bergsturz: der Bondasca-Bach hat eine gewaltige Schlammmasse ins Tal transportiert und einige Häuser in den angrenzenden Ortschaften zerstört.

Eine sanfte Gestaltung soll die Dämme und Schutzwände in die Ortschaften und in die Landsschaft integrieren

Letzte Meldung: Mitte Juni 2023 kam ein gewaltiger Bergsturz nur knapp vor dem Schweizer Dorf Brienz zum Halt. Der Klimawandel war nicht der Anlass, das Gelände ist seit langen Zeiten in Bewegung.
 

Einem innovativen Konzept folgen die neuen Schutzbauten, die im Bergell in den Schweizer Alpen künftig die Dörfer vor Bergstürzen und Schlammlawinen bewahren sollen: sie greifen in der Gestaltung auf traditionelle Veränderungen der Landschaft durch den Menschen zurück und wollen so neben dem Katastrophenschutz auch die Lebensqualität für die Einwohner erhalten beziehungsweise verbessern.

Wir erinnern uns: Am 23. August 2017 brach am Piz Cengalo über der Großgemeinde Bergell (italienisch: Bregaglia) an der Grenze zu Italien eine Felsmasse von 3 Millionen m³ vom Berg ab und löste eine Lawine von Schlamm und Gestein ins Tal aus. Sie umfasste die unvorstellbare Menge von 500.000 m³, mähte im Tal des Baches Bondasca alles nieder und führte dort und im Tal des Flüsschens Mera zu schweren Zerstörungen. 8 Wanderer starben.

Das war erst der Anfang der Bedrohung: Experten sagen, dass noch etwa 5 Million m³ oben am Bergmassiv hängen, die unsicher geworden sind.

Ein Grund ist der Klimawandel, und auch anderswo hat man damit zu tun: die Erwärmung unterbricht den Permafrost in Gebirge und lässt das Eis in den hohen Lagen zeitweise auftauen. Damit fehlt dem Gestein mit seinen vielen Rissen und Klüften sozusagen der Kitt, der es bisher zusammengehalten hat, und unter bestimmten Bedingungen gehen dann große Mengen Material in die Tiefe.

Bei der Katastrophe vom August 2017 war es sogar noch so, dass das die Schlammlawine, Mure genannt, ausgerechnet bei trockenem Wetter in Fahrt kam: die vom Berg herabstürzende Gesteinsmasse war auf einen Gletscher gestürzt und hatte mit ihrem Gewicht das Wasser im Boden unter dem Eis an die Oberfläche gepresst, so dass damit alle Zutaten für die Rutschpartie beisammen waren.

Im September 2021 haben die Baumaßnahmen für verbeserte Schutzdämme im Tal mit den Ortschaften Bondo, Sottoponte, Spino und Promontogno begonnen.

Schon in der Ausschreibung war eine innovative Zielsetzung festgelegt worden: Erstens sollten die Schutzwände und Dämme nicht nur Sicherheit bei einer Katastrophe von Schlammlawine plus Hochwasser bringen. Zweitens ging es auch darum, auf die Belange der Bewohner Rücksicht nehmen: Die Schutzbauten sollten sich so angepasst wie möglich in die kulturhistorisch wertvolle Landschaft eingliedern.

Deshalb waren im Wettbewerb ausdrücklich interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaften aufgefordert, ihre Ideen einzureichen: gemeinsam sollten sich Ingenieure für Wasser-, Strassen- und Brückenbau mit Experten für Landschaftsgestaltung Lösungen überlegen.

Entsprechend lang ist die Aufzählung der Mitglieder jenes Teams, das den 1. Platz belegte: Conzett Bronzini Partner (Chur), Caprez Ingenieure (Promontogno), Eichenberger Revital (Chur), mavo (Zürich) in Zusammenarbeit mit Müller Illien Landschaftsarchitekten (Zürich) und Conradin Clavuot (Chur).

Im Mittelpunkt ihrer Empfehlungen standen zunächst natürlich die üblichen Bauten gegen Schlammlawinen:
* ein erhöhter Damm am Bondascabach, wo er aus dem Berg herunterkommt,
* ein vergrößertes Auffangbecken für ihn,
* eine Schutzmauer auch entlang des Flüsschens Mera, in das der Bondasca-Bach einmündet,
* und einiges andere mehr.

Wegweisend aber war, WIE das Gewinnerteam diese Maßnahmen in der Landschaft platzierte.

Das neue Tal des Bondasca-Baches mit dem Terassen statt steiler Hänge an den Seiten.Das neue Tal des Bondasca-Baches.

So ist das neue Tal der Bondesca-Baches, das nun 12 m tief ist, keineswegs von steilen Betonböschungen gefasst. Vielmehr gibt es statt steiler Hänge gestaffelte Terrassen.

Sie greifen das Bild der Umgebung auf, wo die Bewohner seit Menschengedenken Landwirtschaft betreiben.

„Die umgebende Topografie wurde quasi ins Projekt projiziert“, umreißt Ueli Weber, Gemeindevizepräsident von Bregaglia, die Idee.

Die sanfte Gestaltung umfasste auch den neuen Damm entlang des Baches. Der Damm ist auf Dorfseite als Trockenmauer gestaltet, also als Mauer aus kleinen Steinen in lockerer Schichtung ganz ohne Mörtel.

Auf dem neuen Damm selbst verläuft ein Spazierweg für Einheimische und Touristen.

Im Tal des Baches gilt: je tiefer, umso dicker sind die massiven Steinbrocken, die in Beton eingelegt sind. Oben haben sie sozusagen menschengerechte Maße.

Jenseits der Dammmauern sind damit auf in den Ortschaften neue Flächen entstanden, die von den Bewohnern genutzt werden können. In einem Bericht wird davon berichtet, dass die Bewohner schon fleißig planen, dort Feierlichkeiten abzuhalten.

Die neue Brücke Punt mit mehr Wölbung als üblich.

Auch die Gestaltung der neuen Brücken orientierte sich an dem Design, wie man es aus der Gegend kennt: sie sind höher gewölbt als heutzutage üblich – das schafft auch einen größeren Durchfluss unter dem Bogen.

Verbaut wurden vor allem Felsbrocken, die mit dem Felssturz ins Tal kamen. Es handelt sich um rund 200.000 t. Geologisch betrachtet handelt es sich um Bondasca-Granit. Untersuchungen zeigten wider Erwarten, dass er eine sehr gute Qualität hat. Um ihn auf die gewünschte Größe zu spalten, wurde eine spezielle Spaltmaschine konstruiert.

Die ganz großen Brocken am Fuß der Dämme sind Soglio-Quarzit.

Die ganz großen Brocken am Fuß der Dämme sind Soglio-Quarzit.

Mit der sorgfältigen Gestaltung der Anlagen wollte man den Bürgern auch die Angst nehmen, dass ihnen am Ende die Schutzmaßnahmen gewissermaßen über den Kopf wachsen würden. Manche Anwohner haben künftig immerhin eine Wand von 3 m Höhe praktisch vor der Haustür.

In einer Beschreibung heißt es resümierend: „Da sich unsere Siedlungsräume stark ausgedehnt haben, rücken die Naturgefahren immer näher. Schutzbauten müssen zukünftig mit dem Kontext eines Ortes verwoben werden.“

Das Projekt war für den Landschaftspreis des Europarates nominiert.

Tiefbauamt Graubünden (pdf)

Bergell / Bregaglia: Piz Cengalo (italienisch)

Fotos: Gemeinde Bergell / Tiefbauamt Graubünden

Neuer Wanderweg.Auch die Mauern greifen die alten Gestaltungen auf.Auch die Mauern greifen die alten Gestaltungen auf.

See also:

(19.06.2023)