Raffaello Galiotto führt das Plus Theatre aus Halle 10 der Marmomac 2022 fort: „NextCreatures“ hieß eine Präsentation im ADI Design Museum in Mailand

NextCreatures: Cynara.

Wieder zeigte der Industriedesigner Formen in Naturstein, die es nicht gibt

Draußen in der Natur geht die Evolution weiter: permanent gibt es im Zuge der Fortpflanzung oder durch Mutation Änderungen im genetischen Code der Tiere und Pflanzen, und dabei werden unablässig kleine Veränderungen in die Welt gesetzt, die, wenn sie dem Lebewesen Vorteile im Überlebenskampf bringen, evolutionsstabil werden und nach einem langen Weg zu neuen Arten führen können.

NextCreatures: Opuntia.

Etwas Ähnliches passiert aber auch in einem Designstudio im Chiampotal im Norden Italiens zwischen Verona und Venedig: dort lässt sich der Industriedesigner Raffaello Galiotto von Strukturen aus der Natur zu Formen inspirieren, die real sein könnten, aber in Wirklichkeit frei erfunden sind.

Sein Material ist Naturstein und sein Werkzeug sind Computerprogramme und CNC-Roboterarme.

NextCreatures: Pristis.

Auf der Marmomac 2022 hatte Galiotto die erste Serie dieser neuen Kreationen präsentiert. „Visionary Stone“ war der Titel der Schau im Plus Theatre in Halle 10, zuvor: Italian Stone Theatre.

NextCreatures: Aloacea.

Zur Milan Design Week im April 2023 hatte er in Mailand im ADI Design Museum wieder 21 fiktive Objekte aus der Natur vorgeführt, darunter die von der Messe in Verona und einige neue. Das Material war wieder Marmor, wie üblich in den dekorativsten Sorten.

„NextCreatures“ war der Titel der Ausstellung und der Untertitel „The Fantastic Creatures of the Future“.

Übrigens, wir wollen gleich etwas verraten: Auf der Marmomac im September 2023 wird es den 3. Teil der Serie geben, nämlich „Herbarium Mirabile“ mit imaginären Pflanzen aus Stein.

NextCreatures: Gorgonia.

Was Galiotto an dem Thema reizt, ist zum einen der Spaß am Gestalten nach bestimmten Regeln. Man kennt es von dem Grafiker M. C. Escher (1898 – 1972), der neben seinen unmöglichen Perspektiven auch innovative Tierchen in seinen Bildwelten hervorkriechen und wieder verschwinden ließ.

Man kennt es auch aus unzähligen Science-Fiction-Romanen und -Filmen.

Für Galiotto aber spielt das Material die zentrale Rolle bei seinen gedanklichen und praktischen Experimenten.

NextCreatures: Valvatida.

Er spürt einen tiefen Respekt vor dem Stein, der unglaubliche Millionen von Jahre alt ist, und schon fix und fertig da war, als die Evolution noch nicht die geringste Vorahnung von einem Wesen wie dem Homo Sapiens hatte.

Aber er nimmt sich auch das Recht, das uralte Material mit der neuesten Technologie zusammenzubringen und den Stein den neuen Möglichkeiten der Bearbeitung auszusetzen.

Er sagt voraus: „Auch der Stein, das älteste vom Menschen bearbeitete Material, hat eine Zukunft mit großen Veränderungen vor sich. In der CNC-Technik wird sich die digitale Immaterialität mit der mächtigen Kraft der numerischen Maschinerie verbinden.“

Allerdings: Galiotto singt hier nicht den Abgesang auf die herkömmliche Bildhauerei mit Handarbeit. Die Leitfigur ist und bleibt für ihn der Renaissance-Architekt Andrea Palladio: „Palladio war nicht nur Architekt, sondern auch ein geschickter Steinmetz. Um die Bearbeitung von Stein in die Zukunft zu projizieren, müssen wir immer von unseren eigenen Händen und Erfahrungen ausgehen“, so Galiotto.

Aber er will eben neben das traditionelle Handwerk auch die neuen Möglichkeiten des Roboterarms stellen.

NextCreatures: Eulychnia.

Bei seinen künstlerischen Experimenten besteht aktuell eine der Herausforderungen darin, das Zusammenspiel zwischen 3D-Modell im Computer und der Beweglichkeit des Roboterarms auszuloten. Denn die Dinge sehen am Bildschirm manchmal anders aus, als sie später am Objekt sind, und dann gibt es die Situation, dass in einem 1. Schritt etwas weggefräst wurde, das im Programm für den 2. Schritt noch drin ist.

Dann ist hinhören angesagt: „Wenn die Maschine ungewohnte Geräusche macht, kündigt sich ein Problem an.“

Und es gibt Situationen, wo die Maschine etwas macht, was sie nicht soll. „Dann kann man manchmal die Programmierzeilen für jene Stelle Schritt für Schritt kontrollieren, aber es gibt keinen Fehler im Programm“, grübelt Galiotto und es klingt ein wenig nach Mitgefühl mit dem Apparat.

Dann erzählt er bei unserem Gespräch im ADI Museum jedoch noch von jener Sache, die ihn besonders beschäftigt: Ist die Oberfläche, die von Kopie zu Kopie immer leicht verändert ist, eine Folge von Fehlerhaftigkeit der Maschine oder ein Ausdruck ihrer Kreativität?

Galiotto jedenfalls poliert die Oberfläche im Regelfall nicht glatt, sondern lässt sie, wie sie ist.

Die Werke wurden unter Mitwirkung der Firmen Generelli, Gruppo Tosco Marmi, Margraf und Odone Angelo produziert.

Raffaello Galiotto Industrial Design

M. C. Escher

Fotos: Raffaello Galiotto

Raffaello Galiotto.

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(10.07.2023)