Peter’s Corner: auf der Marmomac zeigte sich das neugewonnene alte Massivbauen, nämlich mit heimischem Stein als tragendem Material

Peter Becker, Chefredakteur von Stone-Ideas.com.

Im Rahmen von „Marmomac Meets Academies“ wurden Prototypen dazu präsentiert

Wissenschaftler würden von einem Paradigmenwechsel sprechen, wir sagen‘s einfach, dass nämlich in der Steinbranche eine neue Ära begonnen hat: es geht um die Wiederkehr des alten Massivbauens mit Stein, das über Jahrtausende üblich war. Jetzt es im Zusammenhang mit dem CO2-Fußabdruck von Neubauten wieder interessant, und auf der Marmomac 2023 gab es einige Hinweise auf diese neue Bewegung.

Um es nochmal zu sagen: die Rede ist von der Wiederentdeckung jener Art der Materialverwendung, wie sie bei den alten Ägyptern, Griechen oder Römern üblich war.

Ausgenutzt werden heute dabei zwei Stärken die das Material hat: zum einen ist es seine enorme Druckfestigkeit, zum andern sein geringer CO2-Fußabdruck.

Auf der Marmomac gab es in Halle 10 in der Schau „Marmomac Meets Academies“ verschiedene Projekte zu sehen, die die Idee des Massiven Bauens experimentell in die Tat umgesetzt hatten. Sie wurden am Nachmittag des 1. Messetages in Kurzvorträgen präsentiert.

Wieso wir daraus gleich einen Quantensprung in der Verwendung von Naturstein ableiten, hat mit den Beteiligten an diesen Projekten zu tun: Es sind in enger Kooperation Wissenschaftler von Hochschulen, Architekten aus der Praxis und im Baugeschäft erfahrene Steinfirmen, nicht nur ein paar Bastler.

Die zentrale Figur bei „Marmomac Meets Academies“ ist Professor Giuseppe Fallacara vom Politecnico di Bari. Er hat in den letzten Jahren in vielen Projekten die alten Lehren der Stereotomie aufgegriffen mit den Möglichkeiten der modernen Technik weiter gedacht. Wir haben darüber berichtet.

In Frankreich gibt es eine lange Tradition des Massivbauens mit Stein. Die Besonderheit ist, dass kleine Blöcke vorgefertigt werden, die dann wie in einem Baukastensystem auf der Baustelle nur noch zusammenkommen. Ein Vorreiter ist der Architekt Gilles Perraudin. Es gibt zahlreiche Beispiele vom Luxushaus bis hin zum Sozialen Wohnungsbau.

Was das französische Massivbauen unter Klimaaspekten so interessant macht, ist, dass die vorgefertigten Blöcke einfach und schnell wieder demontiert werden können und natürlich auch wiederverwendet, was der Kreislaufwirtschaft auf der Baustelle völlig neue Perspektiven eröffnet.

Außerdem: das Geld, das hier für das Material ausgegeben wird, kann der Bauherr zurückbekommen – das Massivhaus ist eine Art von Sparkasse.

Aber: welche Steinsorte würde man für das massive Bauen verwenden? Die antiken Bauherren haben die edelsten Steine verwendet, weil ihre Tempel auch eine besondere Pracht ausstrahlen sollten und für die göttliche Ewigkeit gedacht waren.

Aus heutiger Sicht ist das entscheidende Kriterium für die Auswahl der Steinsorte, welches Material lokal verfügbar ist, sagt Hermann Graser, Chef des Bamberger Natursteinwerks. Er ist Präsident des deutschen Natursteinverbands DNV und hatte kürzlich das Massive Bauen mit Naturstein propagiert.

Müssen wir also ab dieser Marmomac die Steinbranche neu denken?

Unsinn, die herkömmliche Fassadenverkleidung mit Platten und das Wanddekor oder der Bodenbelag mit Fliesen werden auch weiterhin verwendet werden, genauso wie der Dünnstein, der das Material durchsichtig und superleicht macht.

Aber: neben ihnen wird es in Zukunft als neue Sparte auch das Massibauen geben

Wirklich revolutionär daran ist die Tatsache, dass diese Neuerung in der Steinbranche nicht durch eine neue Technologie in Gang gesetzt wird, sondern dadurch, dass die Menschen auf neue Art und Weise bauen wollen. Der heraufziehende Klimawandel ist die Ursache.

Auch das zeigt, dass die Rede von einer neuen Ära berechtigt ist: das neue Bauen ist nämlich eingebettet in eine neue Phase der Menschheitsgeschichte, wo der Blick der Menschen auf den Planeten und seine Natur nicht mehr so ist wie er seit der Industrialisierung war.

Auf der Stone+tec 2024 (19. – 22. Juni) in Nürnberg soll es einen Architektenkongress in englischer Sprache über das Massive Bauen mit Stein geben.

(23.10.2023)