Glanzbild mit dem Motiv eines Kindes mit Sonnenschirm und Hut, daneben der entsprechende Lithografiestein. Quelle: Glanzbild: Privatsammlung, Familie Kochman. Lithografiestein: SDTB. Rechte: CC0 1.0 Universell (CC0 1.0). Public Domain Dedication.Provenienzforschung mit technischen Kulturgütern und Produktionsmitteln

Das Deutsche Technikmuseum in Berlin hat die Online-Ausstellung „Drucksteine erzählen. Die Geschichte der Brüder Gerson und ihrer Steindruckerei Paul Pittius“ vorgestellt. Dazu gibt es einen Gedenkstein. Beides erinnert an die Brüder Julius und Martin Gerson und ihre Firma Paul Pittius.

Die Steindruckerei und Luxuskartenfabrik, ab 1907 in der Köpenicker Straße 110 in Berlin Mitte ansässig, ist heute fast vollkommen vergessen. In den 1920er Jahren gehörte sie zu den größten Produzenten von Glückwunsch- und Postkarten und beschäftigte mehr als 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Mitte der 1960er Jahre wurde das Unternehmen aufgelöst, das Gebäude abgerissen.

Der Drucker Dietmar Liebsch kaufte die letzten Drucksteine und anderes Material. Er baute damit seine eigene Werkstatt auf, die das Deutsche Technikmuseum 2017 erwarb, darunter mindestens sechs Drucksteine von Paul Pittius. Im Rahmen der Provenienzforschung hat sich das Museum intensiv mit der Geschichte des Unternehmens und seiner Eigentümer beschäftigt.

Werbekarte der Firma Pittius. Ein Lithografiestein mit einem Werbemotiv der Firma Paul Pittius. Quelle: SDTB / Foto: C. Kirchner. Rechte: CC0 1.0 Universell (CC0 1.0). Public Domain Dedication.

Zu Beginn der NS-Herrschaft waren die Brüder Julius und Martin Gerson Inhaber der Druckerei. Als Juden und bekannte Pazifisten befanden sie sich in besonderer Gefahr und reagierten umgehend. Ihre Kinder verließen bereits Anfang 1933 Deutschland. Die Brüder wandelten ihr Unternehmen in eine AG um. Davon erhofften sie sich einen gewissen Schutz vor staatlichen Maßnahmen. Zudem übertrugen sie die Leitung der Firma zwei langjährigen Mitarbeitern.

Als sie für sich keine Zukunft mehr in Deutschland sahen, verkauften sie ihre Anteile und bereiteten die Auswanderung vor. Ende 1938 emigrierte Julius über Brüssel nach Nizza, wurde dort 1943 verhaftet, nach Deutschland verschleppt und im Untersuchungsgefängnis Karlsruhe ermordet. Martin blieb in Berlin zurück. Am 25. September 1942 wurde er ins sogenannte Altersghetto Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Die Kinder der Gersons und Martins Ehefrau Rosa überlebten.

Neujahrskarte aus der Firma Paul Pittius. Quelle: Privatsammlung, Angelika Lemke. Rechte: Nicht urheberrechtlich geschützt. Keine kommerzielle Nachnutzung.

Julius und Martin Gerson mussten ihr Unternehmen unter dem Druck der Verfolgung verkaufen. Daher bewertet das Deutsche Technikmuseum den Verkauf als Zwangsverkauf und die Drucksteine als NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut. Für solches soll, so die Position Deutschlands, eine gerechte und faire Lösung zusammen mit den jeweiligen Erbinnen und Erben gefunden werden. Die in den USA lebende Enkelin von Julius Gerson entschied, dass die Steine im Museum verbleiben und zusammen mit dem Gedenkstein an Julius und Martin Gerson erinnern sollen.

In enger Zusammenarbeit mit der Familie der Gersons und mit der Familie des späteren Eigentümers, der das Unternehmen fortsetzte und die Kinder der Gersons nach 1945 in Wiedergutmachungsverfahren vertrat, entstand die virtuelle Ausstellung „Drucksteine erzählen“ bei der Deutschen Digitalen Bibliothek. Die Ausstellung ist in deutscher und englischer Sprache abrufbar:
https://ausstellungen.deutsche-digitale-bibliothek.de/paul-pittius/#s0.

Ein Porträtfoto von Martin Gerson, geboren am 30. Januar 1871 in Frankfurt/Oder, am 25. September 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort am 4. April 1943 ermordet. Quelle: Privatsammlung, Angelika Lemke Rechte: Rechte vorbehalten – Freier Zugang.

Technisches Kulturgut im Fokus der Provenienzforschung

Lange Zeit konzentrierte sich die Provenienzforschung auf Kunstwerke, später auch auf die Bestände von Bibliotheken. Technische Kulturgüter und Produktionsmittel wie Maschinen, Telefone, Schreibmaschinen oder Fahrräder, die ihren Besitzerinnen und Besitzern unter dem NS-Regime entzogen wurden, fanden keine Beachtung. Vermutlich, weil sie zum Zeitpunkt des Entzugs keine Kulturgüter waren, sondern Alltagsgegenstände und Gebrauchsgüter. Dennoch ist es notwendig, auch solche Gegenstände zu untersuchen – auch wenn die Provenienzforschung dabei, etwa aufgrund der seriellen Herstellung, vor anderen Herausforderungen steht. Dass es tatsächlich möglich ist, die Provenienz von technischen Objekten festzustellen, hat die bisherige Arbeit am Deutschen Technikmuseum gezeigt. 2022 wurde, mitinitiiert von Kolleginnen und Kollegen des Deutschen Optischen Museums Jena und des Deutschen Technikmuseums, die Arbeitsgruppe Technisches Kulturgut im Arbeitskreis Provenienzforschung e.V. gegründet.

(24.10.2023)