Die italienische Bildhauerin Emanuela Camacci macht neue Kunstwerke aus den Steinchips, die bei ihren großen Skulpturen abfallen

Emanuela Camacci: „Floating Out“.

Mit aktuellen Modeworten wie Recycling oder Kreislaufwirtschaft schmückt sie sich aber nicht

Im 1. Moment sind wir eher zurückgeschreckt, als wir Emanuela Camaccis Mail mit der Einladung bekamen, über ihre Kunst zu berichten. Denn manche ihrer Arbeiten sind mit Reststücken von Steinen gefertigt, und wir hatten die Befürchtung, da wollte jemand mit Schlagworten wie Ressourcenschonung und CO2-Fußabdruck sein Eigenmarketing betreiben.

Bei näherer Betrachtung aber fanden wir heraus, dass das Wort Recycling bei ihr nirgendwo auftaucht.

Emanuela Camacci: „Premessa“.

Und überhaupt: es ist zweifellos eine großartige Idee, auch aus dem Abfall etwas zu machen, wie er bei der traditionellen Bildhauerei anfällt, bildlich gesprochen: aus Steinchips eine Art Umgebungsrauschen zu kreieren, das den Künstler von einer ganz anderen Seite zeigt.

Man stelle sich einmal vor, Michelangelo hätte aus dem in Chips zerlegten Marmornegativ rund um seinen David etwas gemacht, und das eben nicht im Auftrag eines reichen Finanziers, sondern allein nach seinem eigenen Gusto.

Emanuela Camacci geht unverkennbar ihre eigenen Wege – das wollten wir mit dieser Einleitung auch ausdrücken.

Emanuela Camacci: „Wave+air bubbles“.Emanuela Camacci: „Towards“.

Vermutlich muss man das sagen zu einer Künstlerin, die in Rom inmitten der Bildhauerkunst vieler Jahrhunderte aufgewachsen ist. Sie beschreibt ihre Situation dort positiv: „Die Antike in Rom hat mich seit meiner frühen Kindheit fasziniert und umhüllt, ich bin in Schönheit aufgewachsen.“

Emanuela Camacci: „Linfa Bianca.2“.

Schon als Kind habe sie mit Begeisterung gemalt und in Ton geformt, inspiriert von der Natur und der Stadtlandschaft sowie von Emotionen und Erfahrungen, ist vielfach über sie zu lesen. Sie absolvierte eine Kunstschule, dann das Studium der Bildhauerei an der Academy of Fine Arts in Rom.

Nach dem Abschluss besuchte sie die Mosaikschule von Costantino Buccolieri, die sie sehr beeinflusst hat. Das Ergebnis dieser Weiterbildung beschreibt sie so: „Ich habe jetzt ein Auge, das für Fragmente geschult ist.“

Ihr Werdegang als Künstlerin bekam aber die endgültige Weichenstellung durch die Teilnahme am Global Nomadic Art Project 2017 in der Türkei: dort sollten die Teilnehmer allein mit jenen Materialien arbeiten, die sie an Ort und Stelle vorfanden. Die Aufgabe lautete: in der natürlichen Umgebung Werke nur für eine bestimmte Zeit zu schaffen.

„Als Bildhauerin gab mir das die Gelegenheit, über die traditionelle Vorstellung von Skulptur hinauszuschauen und mich künstlerisch neu auszudrücken“, schreibt sie.

Zur Verwendung der Steinchips schließlich kam sie im Zuge der Covid-Pandemie, als sie nur im Studio arbeiteten konnte.

Emanuela Camacci: „Ciclo Città Vuote“.Emanuela Camacci: „Between the Clouds“.

Inzwischen erstellt sie nach wie vor große Skulpturen aus massiven Rohstücken. Die sind zum Beispiel für öffentliche Plätze gemacht, wo sie mit der Umgebung und den Passanten in einen Dialog treten sollen.

Das sei die eine Ebene ihrer Kunst, geprägt von körperlicher Arbeit, schreibt sie.

Dann gebe es die eher meditative Ebene: dafür sammele sie die Chips ein, sortiere sie in Schachteln nach Größe, Form und Farbe und mache etwas daraus. Die Spuren der Werkzeuge interessierten sie dabei besonders: „Diese Flocken haben ihre eigene Geschichte, deshalb verwende ich sie so, wie sie sind.

Emanuela Camacci : „Shoes“.

Sie färbt die Chips grundsätzlich nicht, auch wenn manche Arbeiten danach aussehen. Gegebenenfalls nimmt sie als Ergänzung Scherben von farbigem Glas oder Glaspaste hinzu.

Spätestens auf dieser 2. Ebene kommt dann ein besonderer Wesenszug von ihr zum Vorschein, nämlich der Humor und der Spaß daran, mit ihren Arbeiten dem Betrachter einen Spaß zu bereiten. „Ich bin ziemlich positiv eingestellt und denke, das ist meine Art zu sein, meine Poetik kommt in meinen Werken zum Ausdruck“, schreibt sie.

„Zumindest hoffe ich das!“ fügt sie hinzu, so als hätte sie zuvor schon zu viel Aufhebens um sich selbst gemacht.

Emanuela Camacci

Fotos: Emanuela Camacci

Emanuela Camacci mit ihrer Skulptur „Expanding“.

(27.10.2023)