Das 11. Windkunstfestival „bewegter wind“ fand mit dem Thema „beyond …darüber hinaus“ vom 13. – 27. August 2023 in Wolfhagen–Nothfelden und Philippinenburg unweit von Kassel statt

Besucher auf dem Weg zu den Kunstwerken in der offenen Landschaft.

Mit fast 50 Installationen, Videos, Performances von Künstlerinnen und Künstlern aus 13 Ländern fand das 11. Windkunstfestival „bewegter wind“ zum Thema „beyond …darüber hinaus“ in Wolfhagen statt. Veranstalter war der Verein „bewegter wind“, der mit Unterstützung vom Landkreis Kassel, der Stadt Wolfhagen und Förderern die Ausstellung im Windkunstland Nordhessen realisierte. Ein ehrenamtliches Helferteam aus der ganzen Region ermöglichte zusammen mit den Förderern, dass die Ausstellung für alle rund um die Uhr kostenlos zugänglich war und so auch viele Interessierte über die Kunstszene hinaus erreichte.

Zwei Wochen lang konnten tausende Besucherinnen und Besucher aus nah und fern den Zauber der außergewöhnlichen Kombination von Kunst, Wind und Landschaft entdecken. Das begeisterte Feedback für die vielfältige Ausdruckskraft der Kunstwerke und die eindrücklichen Landschaftssituationen wurde ergänzt durch eine sehr heitere, kommunikative Stimmung. Kunst ist Kommunikation – viele der Künstlerinnen und Künstler waren vor Ort und genossen den Austausch untereinander genauso wie das Gespräch mit dem Publikum.

Zur Finissage wurden die Preisträger*innen bekannt gegeben:

Der erste Preis (3.000 €) ging an Anne Heilmann für „Vor dem Wind“.Der erste Preis (3.000 €) ging an Anne Heilmann für „Vor dem Wind“: Die aus zwei Teilen bestehende Installation ist die künstlerische Übertragung von zwei Ausschnitten einer Wetterkarte: Ein Böeneinfall in der Passatwindzone und ein Tiefdruckgebiet des Nordatlantiks wurden mittels Verknüpfungen speziellen Seilen als Raumzeichnung dargestellt. Ein weiterer Bestandteil waren eigene Texte der Künstlerin, die über einen QR-Code hörbar waren.
Inspiriert von einer siebenmonatigen Reise auf einem Segelschiff gelang es der Künstlerin, die poetische Sprache ihrer Texte mit der Knüpfarbeit auf subtile und stimmige Weise zu verbinden. Nicht nur für Segelnde, sondern für alle Menschen sind Wetter- und Windvorhersagen von großer Bedeutung. Anne Heilmann lotete ihre persönlichen Empfindungen von Winden unterschiedlicher Intensität aus und öffnete für die Rezipienten einen Reflektionsraum zum Thema Wind.
 

Den zweiten Preis (2.000 €) bekamen Piotr Weselowski, Karola Konieczky und Aleksander Bryk.
Den zweiten Preis (2.000 €) bekamen Piotr Weselowski, Karola Konieczky und Aleksander Bryk für „Catch me if you can“: Schon von weitem war die circa 8 m hohe Installation auf dem Helfenberg zu sehen. Ein Gerüst umfing und fixierte die aus Bambusstreifen geflochtene Hohlform in Gestalt eines Tornados, dessen schlauchartiges Ende mit dem Boden verbunden war. Der Künstlerin und den beiden Künstlern war es gelungen, die zerstörerische Kraft dieses Windphänomens zum Ausdruck zu bringen und gleichzeitig dem – meist vergeblichen – menschlichen Bemühen, es zu bändigen und zu begrenzen, eine Form zu geben. Angesichts des Klimawandels und der damit verbundenen zunehmenden Extremwetterlagen war diese Installation von eindringlicher Wirkung und politischer Aussagekraft. Die fast ausschließliche Verwendung von Naturmaterialien war konsequent.
 

Den dritten Preis (1.000 €) erhielt Ralf Witthaus für die Rasenmäherzeichnung „Perpetuum“.Den dritten Preis (1.000 €) erhielt Ralf Witthaus für die Rasenmäherzeichnung „Perpetuum“: Zwei in Kurven verlaufende, sich immer wieder kreuzende Wege bildeten in drei Etappen eine „Klammer“ zwischen den beiden Ausstellungsorten. Sie wurden mit Akku- und Motorsensen in den Bodenbewuchs geschnitten – bis zur Grasnarbe, so dass die Wege sich in braunem Erdton von der grünen Umgebung absetzten und deutlich zu erkennen waren, sogar aus der Ferne. Dem Künstler war auch hier der Ortsbezug wichtig und gelungen. Landschaftserleben und Kommunikation gingen eine Verbindung ein, zum einen bereits in der Phase der Realisierung durch ehrenamtliche Helferinnen und Helfer in schwarz-weißer Kleidung, zum anderen dann bei der Begehung der Wege durch die Besucherinnen und Besucher. Sowohl in der vom Künstler gewählten Grundform des Symbols für die Unendlichkeit als auch im Titel Perpetuum (lat. für fortlaufend, dauerhaft, ewig) konnte eine Analogie zum Phänomen des Windes gesehen werden.
 

Der Sonderpreis ( 1.000 €) wurde Ria Gerth für das Video „Stille“ zugesprochen.Der Sonderpreis ( 1.000 €) wurde Ria Gerth für das Video „Stille“ zugesprochen: Die Kamera glitt über ein blühendes Rapsfeld, der Horizont ist weit. Farbfilter erzeugten flirrende Gelb- und Grüntöne. Das Idyll wurde jäh durch eine Detonation zerstört, die sich als bläulicher Rauchschwaden am Ackerrand ausbreitete. Kaum verflogen, zog die Kamera weiter, bis sich eine weitere Detonation ereignete. Das Video endete mit Stille über dem Rapsfeld. Mit dieser dichten und präzise konzipierten Videoarbeit bezog sich die Künstlerin auf den Ausbruch des Krieges in der Ukraine, der jegliche Hoffnung auf dauerhaften Frieden in Europa zunichte machte, Menschenleben forderte, Nahrungsketten in der Agrarwirtschaft störte und Natur zum Kriegsgebiet werden ließ. Das Video Stille erhielt den Sonderpreis aufgrund seiner hohen künstlerischen Qualität.
 

Zum Abschluß der Ausstellung bedankten sich viele Besuchende für die eindrücklichen Kunsterlebnisse und das Entdecken neuer Landschaftsatmosphären am Helfenberg und der Hardt. Die positive Stimmung wird die Wartezeit bis zum 12. bewegten wind vom 17.-31. August 2025 verkürzen. Nach 35 wechselnden Ausstellungsorten im Windkunstland Nordhessen werden neue gesucht.
 

(v.l.n.r.) Kuratorin Reta Reinl; Preisjury: Dr. Carola Schneider, Sabine Stange, Ursula Eske.Die Preisjury setzte sich aus Ursula Eske (Künstlerin, Galeristin), Dr. Carola Schneider (Kunsthistorikerin, GF Marburger Kunstverein) und Sabine Stange (Künstlerin, Kunstpädagogin) zusammen. Nach intensiver Beratung entschieden sie sich für sechs Preisträgerinnen und Preisträger. Deren Exponate erfuhren besondere Würdigung, aber alle teilnehmenden Künstler hatten mit ihrer Arbeit und ihrem Engagement zum Erfolg der Veranstaltung beigetragen. Gemeinsam mit der Vizelandrätin Silke Engler, Bürgermeister Dr. Dirk Scharrer und den Ortvorstehern Helga Hughes und Torsten Grüning überreichte Kuratorin Reta Reinl die Preise.

Einen besonderen Dank richtete Silke Engler an die Künstlerinnen und Künstler, die es geschafft hatten, dass Menschen sich bei Kunst begegnen und ins Gespräch darüber kommen. Sie war überzeugt, dass Kunst live zu erleben ein Geschenk ist. Gleichzeitig rief sie zum Spenden auf für die Veranstaltung. Wolfhagens Bürgermeister Dr. Dirk Scharrer freute sich über die internationalen Gäste und darüber, dass Kunst Grenzen überwinden kann. Philippinenburgs Ortsvorsteherin Helga Hughes ergänzte, dass ihr „beyond“ viele neue Eindrücke, Kontakte und Freundschaften waren, die durch das Windkunstfestival entstanden.

Jury:

(v.l.n.r.) Kuratorin Reta Reinl; Jury: Dr. Carola Schneider, Sabine Stange, Ursula Eske.
* Ursula Eske ist freie Künstlerin und Gründerin und Inhaberin des Kunstraumes Atelier |Zwischen den Häusern| in Marburg. Ihre Installationen, Performances und Aktionen beruhen auf dem Dialog mit dem Ort des Geschehens mit all seinen räumlichen, städtischen, gesellschaftlichen und situationsbedingten Besonderheiten. Nach ihrem Studium der Diplompädagogik an der Philipps-Universität Marburg und Ausbildung als Theaterpädagogin und Mentorin für Playing-Arts am Institut für Kulturarbeit in Frankfurt und Gelnhausen arbeitete Ursula Eske von 1988 bis 2002 als Theaterpädagogin und Bühnenbildnerin in den Bereichen Theater, Musical und Performance. Sie ist Mitglied im BBK (Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler) sowie in der
sowie in der Künstlergemeinschaft „Werkstatt Radenhausen“.
* Dr. Carola Schneider, geb. 1962 in Stuttgart, studierte Kunstgeschichte und Romanistik in Aachen, bekam 1987 eine Tochter und wurde 1996 promoviert. Sie arbeitete als Kunstpädagogin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an Museen in Aachen, Würzburg und Wetzlar, leitete viele Jahre den Kunstverein “Kunsthaus Essen” und war städtische Kulturmanagerin in Halle/Saale. Seit Mai 2017 ist sie als Geschäftsführerin des Marburger Kunstvereins für die Organisation von Ausstellungen zeitgenössischer Kunst verantwortlich. Zudem ist sie freiberufliche Kuratorin und Kunstvermittlerin.
* Sabine Stange lebt und arbeitet seit 1969 in Kassel. An der Kunsthochschule studierte sie Dokumentarfilm und Kunstpädagogik. Sie war an internationalen Ausstellungen und Künstleraustauschprojekten beteiligt und hatte Studienaufenthalte in Berlin, Bonn, Florenz, Los Angeles und Venedig. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt 2022 mit dem Doris-Krinninger-Preis. Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit arbeitete sie in verschiedenen kulturpädagogischen und kunstpädagogischen Zusammenhängen sowie im Bereich der Kunst- und Kulturvermittlung. In ihrer künstlerischen Arbeit erforscht sie Fragen des Wahrnehmens und Sehens. Standen zunächst Dokumentarisches und Narratives im Zentrum ihres Interesses, verschob sich dies in den vergangenen Jahren mehr und mehr darauf, was sich in tieferen Schichten von intuitiv aufgenommenen Bildern zeigt an bildhaften Phänomenen und Strukturen.

Quelle: Verein „bewegter Wind“ zur Windkunst und interkultureller Kommunikation

(27.12.2023)