Neue Steinsorten gefährden die etablierten nicht, vielmehr verschaffen sie der Branche Aufmerksamkeit

Etablierte Steinsorten aus eigenen Brüchen der Firmen, mit deren Chefs wir sprachen. Im Uhrzeigersinn, beginnend links oben: Granit Nero Assoluto, Ghirardi Stone Contractor, Italien; Larvikite Lundhs Royal, Lundhs, Norwegen; Limestone Pietra del Mare, <a href="https://www.stone-ideas.com/93240/limestone-pietra-del-mare-grassi-pietre/"target="_blank">Grassi Pietre</a>, Italien; Marmor Bianco Polaris, Nordia Marble, Griechenland.

Brasilien kommt permanent mit Neuheiten auf die Messen, die Türkei und der Iran auch, und von Afrika ist es bald zu erwarten

Kontinuierlich kommen neue Natursteinvarietäten auf den Markt, meist ausgezeichnet durch ungewöhnliche Farbtöne und heftige Adern im Gestein. An erster Stelle ist Brasilien zu nennen, das über eine schier unerschöpfliche Geodiversität verfügt, seit einigen Jahren kommt auch die Türkei regelmäßig mit neuem Marmor heraus, und in Zukunft wird der Iran neue Onyxe vermarkten. Nicht zuletzt werden in Afrika südlich der Sahara dauernd neue Brüche erschlossen.

Die Frage, die uns interessiert, ist: wie sieht es aus um die Nachfrage nach solchen neuen Varietäten, und wie wirkt diese auf die Nachfrage nach etablierten Steinmarken?

Wir haben auf der Messe in Xiamen herumgefragt. Das Ergebnis war eindeutig: die Neuen haben keine negativen Auswirkungen auf die Alten, eher im Gegenteil. Und die Nachfrage nach den Neuen scheint aus einem eigenen Marktsegment zu kommen, das eher klein ist.

Stefano Ghirardi, CEO der italienischen Firma Ghirardi Stone Contractor, beschreibt den Kundenwunsch nach neuen Steinen bildhaft: „Es gibt immer Leute, die Appetit auf etwas Neues haben.“ Seine Firma beging in letzten Jahr ihr 85. Jubiläum und ist traditionell mit einer bestimmten Natursteinpalette am Markt.

Nach seiner Einschätzung ist der Zustrom an Stein-Neuheiten bloß der Normalfall, den es auch in anderen Branchen gibt.

Allerdings: „Im Moment orientiert sich der Kunde wieder mehr in Richtung Verlässlichkeit und Qualität“, hat er beobachtet. Nach der Pandemie würden sich die Käufer wieder stärker für Sorten interessieren, deren Eigenschaften sie kennen würden und genauso für Lieferanten, in deren Arbeit sie Vertrauen hätten.

Festzuhalten bei den Neuheiten ist ohnehin, dass viele nicht mehr als eine Messe überleben. Beim ersten Messeauftritt sind sie nur ein Testballon, ob es bei den Kunden überhaupt ein Interesse gibt.

Doch auch die erfolglosen Varietäten haben für die Branche einen Effekt, und zwar einen positiven, so ein Ergebnis unserer Befragung.

„Neue Sorten schaffen Aufmerksamkeit“, konstatiert Thor-Anders Lundhs, CEO bei der norwegischen Firma Lundhs. Sein Unternehmen verfügt über die markanten Larvikit-Sorten, deren Erscheinungsbild auch ohne Neuheiten Aufmerksamkeit auf sich zieht.

„Neue Sorten sind aber das, was sich die Presse wünscht“, stellt Lundhs nüchtern fest.

Ähnlich unaufgeregt reagiert Francesco Grassi von der italienischen Firma Grassi Pietre auf das Thema. Seine Unternehmen, seit Generationen in der Hand einer Familie, gewinnt und verarbeitet den Vicenca-Kalkstein.

Er verweist auf das hohe Risiko, das mit neuen Sorten verbunden ist: „Allein eine Lizenz zu bekommen dauert schon mehrere Jahre, und dazu kommen dann noch die Kosten für die Erschließung des Steinbruchgeländes.“

Ohnehin: Sorten der Kategorie bunt und strukturreich treffen wohl eher nicht auf eine gewaltige Nachfrage. „Der Markt dafür ist eher ein Nischenmarkt,“ sagt Andreas Alt, CEO der griechischen Firma Nordia Marble. Diese baut seit 60 Jahren in der Nähe von Thessaloniki weißen Marmor ab.

Alt lenkt unseren Blick in eine neue Richtung: Wenn neue Sorten sich eher als Akzente in der Innenarchitektur oder im Design etablieren können, sind dann Steinmessen die richtige Startrampe für sie?

Stefano Ghirardi hatte diesen Aspekt bereits angedeutet: „Um solche Sorten zu verkaufen, muss man Kontakte zu den Innenarchitekten und Kreativen haben,“ so eine Randbemerkung.

Doch nicht nur Privatleute mit dem Interesse an ganz individuellen Wohnungen kommen als Zielgruppe für neue Sorten in Anbetracht.

Auch Boutiquen exklusiver Produktmarken brauchen immer Materialien für ein besonderes Dekor. Steine, an denen sich der Kunde nicht sattsehen kann, helfen dabei.

Wir hatten vor schon 2023 auf die Zyklen der Erneuerung bei Verkaufsräumen geblickt, als auf der Messe Euroshop in Düsseldorf die Studie „Ladenmonitor 2023“ präsentiert wurde. Darin wurden etwa neun Jahre als durchschnittliche Zeitspannen zwischen Komplettumbauten in Geschäften genannt, weniger bei Boutiquen.

Bleibt die Frage: kann ein Land sich mit einem Profil als DER Spezialist für Neuheiten etablieren und den permanenten Nachschub an neuen Sorten zu seinem Markenzeichen machen?

Das ist generell so in der Textilbranche, die dafür die jahreszeitlichen Moden und jährlichen Trends erfunden hat.

Fraglich ist aber, ab zum Beispiel eine Marmor-Frühjahrskollektion oder eine Quarzit-Herbstkollektion denkbar sind. Die Kosten sind hoch, die Erträge kurzfristig gering, und Naturstein hat Beständigkeit als einen seiner Markenkerne.

Ghirardi Stone Contractor

Lundhs

Grassi Pietre

Nordia Marble

(17.05.2024)