Plastisches Gestalten neu: Der spanische Steinbildhauer Jordi Raga fügt seine monumentalen Skulpturen aus einzelnen Teilen zusammen

Jordi Raga: „Spark“, Tuwaiq Sculpture Symposium.

Ihn interessiert weniger die Form als solche, als vielmehr die Wirkung dieser Formen im Raum

Jordi Raga ist unterwegs im weiten Feld des modernen Plastischen Gestaltens, wo ein Künstler eine Skulptur nicht mehr aus einem Rohblock herausschält, sondern, in einer Spielart, einzelne Teile zu einer Gesamtkomposition zusammensetzt. Die jüngste Arbeit schuf er Anfang 2024 im Rahmen des vierwöchigen Tuwaiq-Sculpture Symposiums in der saudi-arabischen Hauptstadt Riad: „The Spark“ (Der Funke) besteht aus sechs Dreiecken aus massivem Granit, die auf komplexe Art und Weise ineinander greifen und sich gegenseitig stabilisieren.

Die Arbeit stellte einige besondere technische Herausforderungen, etwa die, dass dort, wo die Einzelteile zusammengesteckt sind, Spannungen auftreten, die einen Stein leicht reißen lassen. Raga hatte zwar ein maßstabsgetreues Modell geschaffen, aber als am Ende des Symposiums die beiden Schwerlastkräne in Aktion traten, war ihm doch nicht geheuer zumute, wie er sagt.

Jordi Raga: „Spark“, Tuwaiq Sculpture Symposium.

Aber alles ging gut, schreibt er in einer Mail: „Das Team aus Ägypten mit den erfahrenen Kranfahrern fand kreative Lösungen.“

Ist Jordi Raga vielleicht eher ein Bastler als ein Künstler, oder ein Ingenieur, der mit einem überdimensionalen Steinbaukasten spielt?

Jordi Raga: „Interlocking Dolmen“.Jordi Raga: „Interlocking Dolmen“.

Werfen wir dazu einen Blick auf eine andere Arbeit, die „Interlocking Dolmen“ (Ineinandergreifende Dolmen). Er beschreibt sie detailliert auf seiner Webpage.

Er wollte sich damit von der reinen Form klassischer Skulpturen freimachen und ein Werk für den Raum schaffen, schreibt er – was ihn speziell interessiert, ist, wie ein Kunstwerk und zum Beispiel die Landschaft drumherum zusammenwirken.

Jordi Raga: „Paradise Lost“.

Er spricht deshalb von „Landscape Sculpting“ (Landschaftsbildhauerei), die lange vor den antiken Skulpturen eine künstlerische Ausdrucksweise der Menschen gewesen sei.

Was ihn umtreibt, sind Fragen wie: Wie wirkt der Raum zum Beispiel rund um Stonehenge, seit der Steinkreis dort steht? Wie würde er wirken, wenn das Monument plötzlich weg wäre? Wie hat umgekehrt die Landschaft die damaligen Künstler bei der Gestaltung ihres Steinkreises beeinflusst?

Jordi Raga: „Meaning of Life“.

Und schließlich: Was bedeutet es für uns, dass die Altvorderen in Steinkreisen, in Megalithgräbern oder in den Reihen der Menhire etwas von sich weitergegeben haben?

Raga ist überzeugt, dass alles auf- und miteinander wirkt, dass das Ganze mehr als die bloße Summe seiner Teile sein kann, wie es der japanische Künstler Isamo Noguchi postulierte, und dass es „Regeln für diese Synergien“ (Raga) gibt.

Jordi Raga: „Portfolio“.

Er will diese Regeln verstehen, besser: seine Kunstwerke sind kleine Experimente, die, wenn sie fertiggestellt sind und irgendwo stehen, in den Köpfen der Betrachter eigene Wege einschlagen dürfen. „Ich erinnere mich daran, wie öffentliche Skulpturen mich als Kind beschäftigt haben“, schaut er auf die Anfänge seiner Denkweise zurück.

Wir zitieren den Lebenslauf von seiner Webpage: „Jordi Raga Frances wurde 1979 in Valencia geboren und studierte Kunst in Spanien, Italien und Griechenland. 2001 erhielt er einen Bachelor-Abschluss in Bildender Kunst und ein Stipendium für ein Studium der Marmorbildhauerei in Carrara. Er verbrachte mehr als ein Jahrzehnt mit der Restaurierung von Kulturerbe in verschiedenen europäischen Ländern, bevor er sich in Oxford niederließ, wo er derzeit als Bildhauer tätig ist.“

Jordi Raga: „Souvenir from Hereafter“.

Besonders spannend findet er den Dualismus, den er als Grundkonzept unserer Welt sieht: „das Abstrakt-Mathematisch-Symbolische und das Organisch-Natürlich-Chaotische.“ In einer Mail formuliert er das so: „Ich denke, in uns spielen beide Seiten eine wichtige Rolle in einem dualen (miteinander verbundenen) Tandem.“

Das ist die Position des neutralen Beobachters. Allerdings weiß er auch um seine eigenen Präferenzen: „Ich persönlich mag die analytische Seite der Dinge. Die technische, erfinderische, problemlösende, handwerklich-unternehmungslustige Suche nach Resonanz in der Verbindung von Ideen.“

Beim Tuwaiq-Symposium war Jordi Raga sicher am richtigen Ort. Nicht nur, dass dort jedes Jahr rund 30 Bildhauer aus der ganzen Welt auch aktuelle Tendenzen der monumentalen Kunst mit Stein präsentieren. Die fertigen Arbeiten sollen über die ganze Hauptstadt Saudi-Arabiens verteilt werden und dort Straßen und Plätze bereichern.

Jordi Raga

Fotos: Tuwaiq Sculpture Symposium 2024 / Jordi Raga

Jordi Raga auf dem Tuwaiq Sculpture Symposium.

(14.06.2024)