Zum Klimaschutz beim Bauen gehört auch das Wiederverwenden ganzer Gebäude mitsamt ihrem Baumaterial

Rendering des „weitergebauten“ Gebäudes.Das Gebäude mit der British Telecom als Bewohner.

Die Stadt kann zu einem Steinbruch werden, wie es die Architekten von Kohn Pedersen Fox Associates (KPF) beim Gebäude „Panorama St. Paul’s“ vormachen

Update: Der Circularity Gap Report untersucht jährlich den Stand der Dinge in Sachen Kreislaufwirtschaft Die Zahlen in der aktuellen Ausgabe sind ernüchternd: von 9,1 % im Jahr 2018 ist der Anteil an Sekundärmaterial auf 7,2 % (2023) gesunken.
https://www.circularity-gap.world/global/

 

„Gebäude Wiederverwenden“ ist ein Schlagwort, das immer öfter in der aktuellen Architekturdiskussion auftaucht. Gemeint ist damit in der Praxis ein „Weiterbauen“, also das Anpassen der vorhandenen Strukturen und Flächen an die neuen Anforderungen, verbunden mit dem altbekannten Recyclen der Baumaterialien. Ein aktuelles Beispiel dafür ist das Gebäude „Panorama St. Paul’s“ in der Londoner City mit exklusivem Blick auf die berühmte Kathedrale.

Es handelt sich um einen massigen Bürokomplex aus den 1980ern, der einen ganzen Block überzieht und in dem ursprünglich die British Telecom zu Hause war.

Den Umbau hat das Büro Kohn Pedersen Fox Associates (KPF) übernommen; wenn er wie geplant in der 2. Jahreshälfte 2025 fertiggestellt ist, wird es dort treppenartig gestaltete Fassaden mit viel Grün geben, im Erdgeschoss einen Großbildschirm für künstlerische Präsentationen, zudem einen Durchgang durch den Block in Richtung auf St. Paul’s und im Obergeschoss einen Dachgarten mit Restaurant.

Die Struktur des Gebäudes alt-neu.

Das alles wird für die Öffentlichkeit zugänglich sein – man kann schon jetzt vorhersagen, dass der Blick aus der Höhe auf die Kathedrale für Londoner und Touristen ein neues Highlight sein wird.

„Es ist das erste Null-CO2-Bürogebäude in London“, sagt John Bushell, Planungschef bei KPF, says John Bushell, design Principal von KPF.

Im Bezug auf das Recycling der Steine taucht in einem Bericht in der Zeitschrift Architects‘ Journal (13. Mai 2024) das Schlagwort vom „Urban Quarrying“ auf, also Entnehmen von neuem Baumaterial aus dem vorhandenen alten. Das haben schon alten Römer so gemacht.

KPF hat schon seit einiger Zeit das Wiederverwenden und Umnutzen im Blick. Auf der Webpage des Architekturbüros gibt es eine Rubrik „Adaptive Reuse“ (Anpassen und Wiederverwenden). Beispiele reichen von der World Bank in Washington, ein Projekt bereits aus dem Jahr 1996, bis hin zu Londoner Vorhaben jüngeren Datums wie dem Unilever House, dem South Bank Tower und verschiedener Gebäude im Bezirk Covent Garden.

Beim Panorama St. Paul’s, ehemals unter der Adresse 81 Newgate Street bekannt, blieben rund 70 % der vorhandenen Betonstruktur erhalten. Zu fast 100 % wurde der Naturstein aus der Fassade aufgearbeitet und wiederverwendet. Es handelte sich um insgesamt rund 1500 t Portland Kalkstein und Granit:
* es wurde eine Null-Deponie-Strategie umgesetzt, das heißt: es fiel kein Bauschutt zur Entsorgung auf Deponien an;
* durch die Wiederverwendung des Natursteins wurden Ressourcen geschont;
* mit dem Weiterbauen wurde, im Vergleich zu einem Neubau, erheblich Bauzeit gespart und wurden auch die Kosten gesenkt;
* das Grün an den Terrassen wird das Stadtklima verbessern.

Die Erfahrungen beim Wiederverwenden der Fassadensteine sind detailliert in dem Beitrag in im Architects‘ Journal dargestellt. Wir verlinken unten auf das Magazin und geben hier einzelne Aspekte wieder.

Wiederverwendung der Natursteinverkleidung.Wiederverwendung der Natursteinverkleidung.

So zeigte sich in dem Projekt, dass das Wiederverwenden von Architektur leichter gesagt als getan ist. Denn: Panorama St. Paul’s bekam einen Wärmeschutz in die Fassade, und außerdem wurden zum Beispiel die Fenster größer. Auch wenn generell das Fassadenraster erhalten blieb, bedeutete das ein neues Layout für die Fassadenplatten, sofern man sie nicht neu zuschneiden und damit wieder Abfall erzeugen wollte.

Das war insbesondere im Fall der die Eckstücke nicht einfach.

Für das Abhängen der Steine von der alten Fassade wurde besonderes Steinmetz-Knowhow gebraucht. Das einfach deshalb, weil es keine Dokumentation aus den 1980ern gab und man vorsichtig sein musste, um nicht Platten kaputtzumachen. Denn oft wussten die Handwerker zunächst nicht, wie die Qualität der einzelnen Steinplatten nach fast 40 Jahren im Londoner Smog sein würde.

Am Ende aber zeigte sich, dass das Ziel des Weiterbauens und Wiederverwendens erreichbar ist: Im Fall des Natursteins war „der Abfall nur gering“, so KPF.

Die Firma Grants of Shoreditch mit Sitz in Chelmsford in etwa 50 km Entfernung von der Baustelle übernahm das Säubern und Aufarbeiten der Steinplatten. In ihrem Werk wurden auch die neuen Großelemente für die Fassade erstellt.

Eine andere wichtige Erfahrung war eigentlich banal: Jedes Gebäude ist anders, und so steht man mit dem Weiterbauen und Wiederverwenden bei jedem neuen Projekt wieder ganz am Anfang.

Kohn Pedersen Fox Associates (KPF)

Architects‘ Journal

Grants of Shoreditch

Fotos/Renderings: Kohn Pedersen Fox Associates (KPF)

Spektakulär wird der Blick von dem neugestalteten Gebäude auf die St. Paul’s Cathedral.

(17.06.2024)