Auf der Messe Stone+tec wurden Beispiele für Gebäude mit Stein als tragendem Material gezeigt
Naturstein als Baustoff der Zukunft und nicht mehr nur als Dekorationsmaterial wie in der Gegenwart war das Thema am 1. Tag des Kongresses der Messe Stone+tec in Nürnberg 2024 (19. – 21. Juni). Gemeint ist damit, dass Stein als lastabtragendes Material eingesetzt wird und nicht mehr nur als schöne Verkleidung für Gebäudefassaden, Wände oder Fußböden. Solcherart Verwendung könnte großes Konfliktpotenzial innerhalb der Natursteinbranche beinhalten, haben doch manche Händler und ganze Länder die Idee von Marmor als Sinnbild für Luxus als ihre Produktmarke etabliert.
Bei der Podiumsdiskussion am Ende des 1. Kongresstages klang der potenzielle Konflikt zwischen den Zeilen mit, als das Thema auf wenige Begriffe heruntergebrochen wurde: auf der einen Seite „bearing and boring“ (lastabtragend und langweilig), auf der anderen „luxury and abundance“ (Luxus und Überfluss).
Dennoch muss daraus nicht unbedingt ein Streitthema werden. Denn: Auch an einer Fassade aus tragenden Steinen bleibt der hohe gestalterische Wert des Materials erhalten.
Anders ausgedruckt: Stein kann gar nicht auf die bloße Funktion als Baustoff reduziert werden. Die Bilder oben zeigen es.
Im 1. Vortrag des Kongresses ging es um die Energiebilanz des Massivbauens mit Stein. Hans Peters vom Institut für Bauen und Umwelt e.V. (IBU), einem unabhängigen Beratungsinstitut zu Umweltaspekten beim Bauen, konstatierte: „In Zukunft wird es für Bauherren und Architekten immer wichtiger, dass ein Gebäude möglichst wenig Energie verbraucht, und deshalb wird die Bedeutung der Grauen Energie immer größer.“ Gemeint ist mit der Grauen Energie jene Menge an Energie, die für die Herstellung eines Baustoffs aufgebracht werden muss.
Naturstein sei hier sehr gut aufgestellt, so Peters, denn: „Stein ist von Natur aus da.“
Um Vergleichbarkeit herzustellen, gibt es die EPDs (Environmental Product Declarations). Die Natursteinverbände in zahlreichen Länder haben inzwischen für ihre Materialien solche Bilanzen erstellt. Diese ermöglichen einen allgemeinen Vergleich mit anderen Baustoffen. Einzelne Firmen sind dabei, für ihre eigenen Produkte und deren spezielle Gegebenheiten ganz exakte EPDs zu erstellen.
Das beutet Kosten für die Unternehmen, und Peters wischte Jammern der Firmen über diese neuen Kosten vom Tisch: „In Zukunft wird in der EU für alle Bauprodukte eine EPD verlangt.“
Gegenrede gab es nicht. Denn die große Mehrheit der rund 80 Gäste waren Architekten, die im Massivbauen mit Stein ein Feld für sich sehen und sich Anregungen abholen wollten.
Anne Hangebruch, Architektin und Juniorprofessorin an der Technischen Universität Dortmund, gab eingangs einen Überblick über die Sechziger Jahre, als noch vielerorts in Europa Stein in lastabtragender Funktion eingesetzt wurde.
Sie will, dass die Architekten von heute das viel versprechende Material wieder entdecken und entwickelt dafür mit ihren Studenten Ideen. Eine ist ein Pavillion, der in Kürze auf dem Campus West ihrer Universität gebaut wird. Das Material kommt vom Bamberger Natursteinwerk, das in Deutschland zu den federführenden Firmen in diesem Bereich zählt.

Ein schmucker Pavillon aus Naturstein inmitten eines Campus‘ in der üblichen Nachkriegs-Tristesse deutscher Unis?
Wir greifen an dieser Stelle die eingangs erwähnte Debatte um Commodity vs Luxus wieder auf: Wie, wenn sich dieses Naturstein-Gewölbe zu einem gestalterischen und ökologischen Schmuckstück für die Hochschulen im ganzen Land mausern würde?
Zu den Kernzielen in Anne Hangebruchs Forschung zählt, Naturstein aus der Nische der Luxusbauten herauszuholen und „sein Potenzial voll zu nutzen“, wie sie es in ihren Vortrag ausdrückte. Dabei geht es auch um kostengünstigen (sozialen) Wohnungsbau mit Stein in Form von modularen und seriellen Elementen und in Verbindung mit anderen geeigneten Baustoffen.

Der 3. Vortrag kam von Steve Webb vom Ingenieurbüro Webb Yates in London. Es hat 75 Mitarbeiter und wird weltweit gerne für knifflige Baufragen zu Rate gezogen. „In zehn Prozent unserer Projekte geht es um Stein“, so der Firmengründer im Vortrag, und er selbst scheint ein Faible für das Material zu haben.
Er machte eine Kostenrechnung zur Besteuerung von Energie und Arbeit auf und empfahl, den Energieverbrauch beziehungsweise die CO2-Freisetzung stärker zu besteuern: „Wenn so die Arbeit billiger wird, werden mehr Arbeitsplätze entstehen.“ Gleichzeitig könnten die Klimaziele besser erreicht werden.
Im Vorbeigehen erteilte er orthodoxen Naturstein-Lobbyisten eine Abfuhr, die mit dem Massivbau den Stein auf den höchsten Altar heben wollen. Er hält viel von der Kombination von Stein mit Materialien mit einem ebenfalls geringen CO2-Fußabdruck, etwa in Form von Elementen, bei denen Holz und Stein oder Stahl und Stein zusammenspielen.
Also neueste Entwicklung von Webb Yates zeigte er bei seinem Vortrag ein Gestänge aus Stein und Edelstahl, wo Steinröhren mithilfe von Stahl gespannt und verschraubt werden.

Der 4. Referent, Carlos Oliver vom Instituto Balear de la Vivienda (IBAVI), schilderte eingangs die Rahmenbedingungen auf den Balearen-Inseln Mallorca und Menorca. Dort geht es darum, die thermischen Eigenschaften des Steins so zu nutzen, dass die Kühle der Nacht im Gebäude gespeichert und die Hitze des Tages aus einem Gebäude herausgehalten wird. Das muss mit dem auf den Inseln vorhandenen Sandstein erreicht werden, der sehr weich ist, und dennoch das übliche Baumaterial dort war.
Übrigens: die Altvorderen haben bei vielen Gelegenheiten auch das Seegras (Posidonia) verwendet.
Oliver, Architekt am IBAVI, zeigte zahlreiche Projekte des Instituts, bei denen es auch um Wohnungen für billiges Mieten ging.
Die Mauern der Gebäude sind sehr dick, gleichen so die geringe Tragfähigkeit des Steins aus und nutzen gleichzeitig seine thermische Trägheit, also die Speicherkapazität zum Beispiel für Kälte: Nachts lässt man dort gern die Fenster auf, so dass die Kühle ins Haus kann, und tagsüber verschattet man dann diese Wandöffnungen, damit die Hitze draußen bleibt.
Getrocknetes Seegras wird bei IBAVI-Projekten für Schüttungen unter dem Dach zur Wärmedämmung verwendet.
Die Gestaltung der Fassaden lässt möglichst viel Licht ins Gebäude behält aber dennoch eine große Fläche für die dicken Mauern vor.
In seinem Eingangsstatement hatte Carlos Olivier dafür plädiert, die echten Kosten woanders abgebauter und von dort gelieferter der Baustoffe zu berücksichtigen und eine „Globale Soziale Gerechtigkeit“ (Global Social Justice) gefordert.
„Wir müssen übers Bauen nachdenken“, nannte er die IBAVI-Leitlinie und gab als Begründung: „Die Weltbevölkerung wächst, und wenn wir für sie weiter bauen wie bisher, bedeutet das zwei Grad mehr Klimaerwärmung.“
Zur Erläuterung: diese häufig genannte Temperaturzahl bezieht sich auf den Unterschied zwischen Eiszeit und Warmzeit – der beträgt im rechnerischen Mittel nur vier Grad.
Institut für Bauen und Umwelt e.V. (IBU)
Instituto Balear de la Vivienda (IBAVI) spanisch
(15.07.2024)


