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Architektur: fliegende Teppiche

(März 2011) Eine Art von fliegendem Teppich gab es auf der Marmomacc des letzten Jahres zu sehen, und zwar am Stand der Firma La Pierre de France: über die Präsentation in Halle 11 hatte der Designer Jean-Michel Wilmotte ein wellenförmiges Dach gezogen, das sehr an die alten Geschichten aus 1001 Nacht erinnerte. Aber wohlgemerkt: es handelte sich um eine Konstruktion aus Millimeter dünnem Kalkstein auf Aluminium-Waben.

Solche Kombinationen von Dünnstein plus Trägermaterial gibt es schon einige Zeit am Markt. Was jedoch zuvor noch nie verwirklicht wurde, ist, die Materialkombination zu biegen. Das Know-how dafür hat Stone Performance, der Technologietochter von La Pierre de France. Produziert werden die fliegenden Teppiche aus Stein in Portugal.

Das spezielle Know-how beruht unter anderem auf der Wahl des richtigen Klebers und der richtigen Temperatur für das Biegen. Abid Farsak, Direktor bei Stone Performance, nennt noch einen weiteren Aspekt: „Man muss wissen, welchen Stein man nimmt, und welches die beste Richtung für die Verformung ist, konkav oder konvex werden nicht gleich gehandhabt.“ Denn beim konkaven Verformen wird der Stein druckbeansprucht, und nur da ist er sehr leistungsfähig. „Bislang haben wir ein Modul mit rund 6 mm Stein auf 20 mm Alu-Wabe bis auf einen Gewölberadius von 3,4 m gebogen“, so Farsak, „es hängt von den mechanischen Eigenschaften der Steinsorte und vom Produktionsprozess ab, wobei wir bei unseren Projekten ständig die Grenzen überschreiten.“

Ein Harzen zur Festigung des Dünnsteins ist nicht notwendig. Dazu Farsak: „Unser Ziel ist es, das Material so natürlich wie möglich zu halten.“

Dem Architekten öffnet die Technologie einen weiten Horizont an Möglichkeiten. Denn mit der SPP-Technologie – Stone Performance Process = Dünnstein plus Wabe plus Unterkonstruktion zur Anbringung an einer Wand – lassen sich ohne großen Materialaufwand auch runde Formen gestalten. Realisiert wurde das zum Beispiel in Baku in der Boutique von Yves Saint Laurent. Stararchitekt Jean Nouvel hat damit eine abgehängte Decke auf den Champs Elysées ausgeführt.

„Stone-Performance macht den Architekten frei von den bisher engen Grenzen der steinernen Platten, so Abid Farsak, „Fassadengestaltung ist nicht weiterhin bloß ein Fugenmanagement.“ Die neuen – „modernen“ – Eigenschaften, die die Steinplatte hier bekommt, umreißt er mit „übergroß, leicht und einfach zu befestigen“. Haltbar bleibt das Material dabei auch weiterhin.

Vorläufer der fliegenden Teppiche aus Stein sind jene Dünnsteinplatten auf unterschiedlichen Trägermaterialien, mit denen verschiedene Anbieter auf dem Markt sind. Ihr großer Vorteil besteht unter anderem im geringen Gewicht: mit um die 15 kg pro m² wiegen sie nur ein Sechstel herkömmlicher Fassadenplatten. Das macht es auch möglich, sie als größere Einheiten in der Fabrik vorzufertigen und mit Zeitersparnis an Ort und Stelle zu installieren.

Schließlich helfen gebogene Platten dem Hersteller, sparsam mit dem Stein umzugehen: bisher mussten runde Formen aus Blöcken herausgesägt werden, wobei viel Abfall entstand.

Aber: sind Millimeter dünne Platten überhaupt noch Stein? Wie steht es um Materialgerechtigkeit?

Wie jemand diese Fragen beantwortet, ist letztlich abhängig vom eigenen Geschmack. Denn eine objektive Festlegung, bis zu welcher Dicke Stein noch Stein ist, will nicht gelingen: ist etwa bei einer Fassadenplatte von 3 cm Dicke die Grenze nach unten erreicht? Dann aber wären die üblichen Bodenfliesen von 1 cm schon nicht mehr Stein.

Oder darf gar am Ende nur der Fels selbst, bevor er aus einem Steinbruch herauskommt, als Naturstein bezeichnet werden?

Noch ein Wort zu La Pierre de France: es handelt sich um eine Holding verschiedener Steinfirmen aus Frankreich, die 2008 gegründet wurde. Ihr Ziel ist, die Steinbranche voranzubringen, dies sowohl bei Produktinnovation als auch bei Technik und Marketing. Wie die Zeitschrift Pierre Actual (10/2010) berichtete, umfasst La Pierre de France rund 40 Steinbrüche und 6 Verarbeitungsfirmen. Aktuell zum Erscheinen des Artikels Anfang November 2010 waren ein Exportbüro und eine Firmengruppe aus dem Straßenbau hinzugekommen.

Stone Performance