Die Bildhauerin Martha Quinn hat den 2022 fertiggestellten County Sligo Great War Memorial Garden gestaltet
„Der Schlüssel zu diesem Projekt war das Gedenken und die Anerkennung an die, die im Krieg gefallen sind, an sie zu erinnern, sie zu benennen und die Orte zu nennen, an denen sie gestorben sind, ohne sich in Kommentare über Politik oder militärische Diskussionen zu verstricken, ein Denkmal für Menschen, nicht für Ideologien.“ Das schreibt uns die irische Bildhauerin Martha Quinn zu ihrem Konzept für den County Sligo Great War Memorial Garden, der an die toten Soldaten und Soldatinnen aus Irland im 1. Weltkrieg erinnert. Das Mahnmal hat sie gestaltet. Es wurde im Herbst 2022 der Öffentlichkeit übergeben.
Wir hatten bei der renommierten Künstlerin die Frage nach dem Konzept gestellt, weil es wieder Kriege in Europa und in Nahost am Rand des Kontinents gibt, und weil die Kriegstreiber wieder nach Rechtfertigungen für die Gewalt und die Schäden suchen.
Wie aber kann man künstlerisch den Menschen Respekt zollen, wenn ihre individuellen Motive irgendwo zwischen „militärischer Tradition, Pflichtgefühl, Abenteuerlust, Religion, Politik, Gruppenzwang und Arbeitslosigkeit“ liegen, wie es auf der Webpage der Gedenkstätte heißt?
Martha Quinn hat sich für eine symbolische Darstellung entschieden: Auf dem Steinboden und über viele Details des Mahnmals verlaufen Wellenlinien – man kennt sie von vielen anderen Situationen, etwa als flüchtige Kringel im Sand an einem Strand, als temporäre Höhenlinien auf einer Landkarte, oder als, aus menschlicher Sicht, ewige Adern in einem Stein.
Mit den Linien will die Künstlerin die Besucher zum Innehalten verlocken. „Im Zusammenhang mit unserem irischen Erbe und unserer Geschichte ist es besonders wichtig, sensibel und rücksichtsvoll mit unserer kollektiven Beziehung zu unserer kolonialen Vergangenheit umzugehen“, schreibt sie.
Die Stelen – als „Sentinels“, Wächter bezeichnet – tragen die Namen der 621 Kriegstoten (darunter vier Frauen) und der Städte in der Grafschaft Sligo, von wo sie stammten. Es wird geschätzt, dass insgesamt 200.000 Iren als Freiwillige im 1. Weltkrieg kämpften und dass 50.000 von ihnen getötet wurden.
Das Mahnmal wurde auf Initiative der Vereinigung „Damit Sligo nicht vergisst“ (Lest Sligo Forgets) ins Leben gerufen. Die Architekten waren David Lalor von Hamilton Young architects mit Sitz in Dublin. Verschiedene irische Nationalsymbole sind eingearbeitet, etwa das St. Brigid’s Cross, das man aus der Vogelperspektive in der Anordnung der Wächterstelen wiederfinden kann.
Das prägende Material ist Kilkenny Kalkstein, der auf der Insel die Ortschaften prägt und der eine zusätzliche Betrachtungsebene einbringt, indem er „im feuchten Wetter Westirlands sanft verwittert“, wie Martha Quinn schreibt.
Das Memorial liegt im Cleveragh Regional Park.
Mit sehr unterschiedlichen Steinarbeiten hat sich Martha Quinn einen Namen gemacht. So gibt es geometrische Skulpturen, bei denen die mathematische Präzision im Vordergrund zu stehen scheint. Aus unserem Mailaustausch kann man aber ihr Schmunzeln herauslesen, wenn sie anmerkt, dass es ihr Exaktheit zwar wichtig ist, aber nicht das erste Ziel der Arbeit sein soll.
Vielmehr versteht sie diese Arbeiten eher als Studien darüber, wie ein Werk, das ursprünglich eine zweidimensionale Zeichnung auf Papier ist, als dreidimensionale Skulptur aus Stein plötzlich einen eigenen Ausdruck annimmt.
Auch hier will sie, wie beim Memorial zum 1. Weltkrieg, Gedanken in den Köpfen der Besucher anstoßen.
Ihre Arbeiten im öffentlichen Raum beziehen deshalb immer das Drumherum ein. So zum Beispiel bei ihrem Konzept für den Old Rail Trail Cycleway in der Provinz Westmeath: Dort hat sie entlang einer ehemaligen Bahnstrecke mehrere Kunstwerke entwickelt, die zusammen den Titel „Turning Cycles“ tragen: An einer Stelle sind Abbilder der jeweiligen Flora und Fauna im Stein eingraviert, woanders geht es um kulturelles Erbe, dann natürlich auch um die Rolle der Eisenbahn. „Einige der Skulpturen tragen Gedichte und sind so gestaltet, dass man sie wie Gebetsrollen drehen kann.“
Das Einbeziehen der Umgebung werde ihr immer wichtiger, sinniert sie auf ihrer Webpage, und fügt den alten Spruch „Ein Gemälde ist nichts ohne einen Rahmen“ an. Bei der Arbeit ‘Sun seeds’ for the Royal Hospital Donnybrook gehörte folglich nicht nur die Skulptur zum Auftrag, sondern auch die Gestaltung des Parks drumherum.
Dass Stein ihr Lieblingsmaterial ist, hängt wohl mit der Mutter zusammen – die war Gletschergeologin. Nähe zur Kunst bescherte ihr die Tatsache, dass alle Tanten gingen auf Kunsthochschulen.
Sie selbst aber wurde zunächst mit solch einer Ausbildung nicht warm, schreibt sie ohne Hader. Dann kam der Bildhauer Fred Conlon, der sie als Assistentin akzeptierte und ihr die Kunstwelt aufschloss.
Sie hat an zahlreichen Bildhauersymposien teilgenommen, Arbeiten stehen auch in den USA. Mit einem lauten Lachen zwischen den Zeilen merkt sie an: „Aber jetzt, da meine Kinder fast alle aus dem Nest geflogen sind, kann ich meinen Radius erweitern. Ich freue mich darauf, in den Ausschreibungen nach Möglichkeiten in Europa und darüber hinaus zu suchen.“
County Sligo Great War Memorial Garden
Fotos: Martha Quinn / Lest Sligo Forgets
(11.10.2024)






