Wenn man in Zusammenhang mit einem Neubau in England, Wales oder Nordirland den Begriff AONB liest, sollte man genauer hinschauen. Die Abkürzung bezeichnet Gebiete mit außergewöhnlicher Naturschönheit (Area of Outstanding Natural Beauty) und bezieht sich auf das Zusammenleben von Mensch und Landschaft in diesen Gegenden. Die Cotswolds im Südwesten Englands sind die größte dieser Zonen, und dort hat das Architekturbüro shen carter studio ein größeres Wohnhaus errichtet, bei dem das Ziel war, das Haus in seinem Erscheinungsbild in die Landschaft zu integrieren. „The Wild Garden“ ist der Name der Anlage.
Der Bauplatz lag an einem Hang, rundherum umgeben mit Trockenmauern als Abstützungen im abfallenden Terrain oder als Abgrenzungen der Wiesen.
Wie aber kann man eine solche Trockenmauer mit einer modernen Konstruktionsweise verbinden?
Die Planer – er (Johnny Carter): Steinmetz mit viel Erfahrung mit Trockenmauern und studierter Architekt; sie (Yanli Shen): Landschaftsarchitektin – entschieden sich für eine Isolierbetonschalung (ICF) für die Außenwände des Hauses. Solche Mauern haben außen auf beiden Seiten eine Schale aus einem Isoliermaterial, innen eine Verstärkung und werden dann mit Beton aufgefüllt. Das bringt beste Werte in der Isolation und schnelle Bauweise.
Die Außenseite einer solchen Wand braucht aber eine Bekleidung, und das kann eine Trockenmauer sein. Zu beachten sind verschiedene Faktoren, etwa die Stabilität der vorgesetzten Trockenmauer und die Tatsache, dass Regenwasser durch sie hindurchgeht.
Die Architekten gaben ihr ein eigenes Fundament und eine Anbindung an die Betonwand mit Stahlankern. Diese sind in die Steinlagen eingebettet. Zudem gibt es eine Verstärkung mit Sand (sharp sand) und Mörtel.
An diesen Stellen lässt die Konstruktion die klassische Bauweise von Trockenmauern hinter sich. Jedoch geht es hier um ein Wohnhaus, nicht um eine Mauer im Gelände.
Insgesamt prägen 350 m² Trockenmauer die Fassaden. Zahlreiche Details zeigen, was man mit der Konstruktionsweise noch machen kann: Markant ist der Pfeiler für das Dach über dem Eingang zu dem Wohnhaus. Weniger auffallend sind Rücksprünge und Öffnungen.
Verwendet wurde Kalkstein aus dem gut 20 km entfernten Tinkers Barn Steinbruch. Dort gibt es im Produktportfolio eine spezielle Sektion für Trockenmauern, daneben auch steinerne Dachziegel oder gewöhnliche Bausteine.
Der Stein hat eine cremige bis graue Farbe und macht einen verwitterten Eindruck. Der verwendete Mörtel stammt vom Bauernhof Heritage Lime aus dem benachbarten Gloucestershire. Dach, Fenster und Türen stammen von regionalen Herstellern.
Das Haus greift die Hanglage auf und hat Etagen in Treppenform. Kennzeichen sind die großen Fenster bis zum Boden, die einen weiten Blick in die Landschaft erlauben. Umgekehrt kann man durch sie durch das Haus hindurchschauen.
Das ist ganz anders, als man es von den Cotswolds-Dörfern kennt. Dort sind Flachdächer nicht üblich. Shen carter studio gelang es aber, dafür die Genehmigung zu bekommen. Shen Carter selbst führte auch die Arbeiten an den Trockenmauern aus.
Er betont, dass es ihm und seiner Ehefrau darum ging, Trockenmauern zeitgemäß einzusetzen und fügt hinzu: „Wir sind der Meinung, dass zeitgenössische Architektur nachhaltig, ausdruckstark und ein Abbild der Zeit sein sollte, in der wir leben.“ Das Profil ihres Büros liegt in der Verbindung von Architektur und Standort, verknüpft durch lokalen Materialien und Handwerkskunst vor Ort.
Das Projekt wurde bei den Natural Stone Award 2024 der britischen Stone Federation mit einer Besonderen Erwähnung („Highly Recommended“) ausgezeichnet.
Fotos / Renderings: shen carter studio






