Man sollte genau hinschauen, wenn man zum Beispiel in einer Fußgängerzone auf ein Tablett mit Backwaren stößt und Albert Wrotnowski in der Nähe ist. Denn der polnische Künstler erstellt solche und viele andere Lebensmittel in täuschend echten Kopien aus Stein. Für den feinen Mehlüberzug auf einem Weizenbrötchen zum Beispiel benutzt er Steinpulver, wie es beim Zersägen der Blöcke anfällt.
Albert Wrotnowskis Ziel ist nicht, sich mit unbefangenen Betrachtern einen Spaß zu machen. Für ihn muss die Kunst eine Botschaft haben, und die dreht sich im Fall der Brötchen aus dem Projekt „The Common Good” (Das Gemeinwohl) um Verschwendung in manchen Bevölkerungsschichten und Hunger und Armut in anderen.
„takefreecake“ war ein anderes Projekt, das in seinem Appell an die Betrachter noch weiter ging: „Ein süßes Objekt in Form eines Eclairs mit einem Lutscher oder einem Schokoriegel führt schließlich zu einer bitteren Reflexion über den Zustand der Gesellschaft, die Rolle religiöser Institutionen, globale Konflikte, Krieg und Gleichgültigkeit“, schrieb er uns.
Einerseits betrachtet Wrotnowski die Welt also, so wie sie ist. Andererseits umgibt er seine Kunstwerke gerne mit lustigen Aktionen: Man kann ihn irgendwo draußen treffen, wie er im Dress eines Konditors sein Rohmaterial bearbeitet – mit Hammer und Meißel.
Gezielt gehen dabei die Rollen durcheinander.
Wir haben ihn gefragt, ob ihm der Spaß bei diesen Aktionen wichtig ist. Seine Antwort: „Ich gehe gerne zu den Leuten, zeige ihnen, wie ich meine Kunst mache und beantworte ihre Fragen. Die Leute erkennen mich und sagen: ,Oh, das ist jener Bäcker, der die Cookies gestaltet.‘ Das zu hören macht mich glücklich, besonders wenn ich die Leute zum Lächeln bringe.“
Seine Aktionen sind nicht wiederholbar, sondern einmalig und nur wenig geplant. Das ist auch dem Material geschuldet: „Ich kann nicht wissen, ob der Stein nicht zerbricht und ich alles neu anfangen muss.“
Von der Materialseite betrachtet, steht seine Faszination an den Mineralien im Mittelpunkt. Die kennt er im Detail, weiß auch, welche Farbtöne er wie an ihren Oberflächen hervorzaubern kann. Künstliche Farbe setzt er grundsätzlich nicht ein.
Die Arbeit „The Great Pavlova” beseht aus Kalkstein, dekoriert mit Himbeeren oder Schwarzbeeren aus Stückchen von Halbedelsteinen. „Ich bin ein Mineralenthusiast“, resümiert er
Neben der Bildhauerei ist er auch als Geo-Lehrer tätig: „Ich leite geologische Kurse für junge Leute und künstlerische Kurse in Polen.“ Insgesamt sieht er sich als „Animateur für die Kultur“.
Wichtig für seinen beruflichen Werdegang war ein Steinmetz-Wettbewerb auf der Messe Stone+tec in Nürnberg 2018: Dort wurde seine Arbeit von der Jury mit dem 1. Preis ausgezeichnet, „wahrscheinlich, weil es eine ungewöhnliche Idee war, obwohl die Arbeiten der anderen Teilnehmer handwerklich besser waren“, wie er sagt.
Das gab ihm aber einen entscheidenden Schub: Als damaliger Student an der Academy of Fine Arts in Wrocław perfektionierte er fortan sein Know-how über die Bearbeitung der Steine und schloss das Studium ab. Heute agiert er auf zahlreichen internationalen Wettbewerben.
Zusammen mit seiner Ehefrau Janina Kudlaszyk–Wrotnowska hat er die Firma Mimozy gegründet. Die erstellt und verkauft „angewandte Kunst“, wie die beiden es nennen. Ein Beispiel sind die Sushi-Sets für Top-Restaurants weltweit.
Wohlgemerkt: Es handelt sich hier um Tischgedecke für echtes Essen – die Speisen kann man ohne die Befürchtung genießen, dass man nachher vielleicht zum Zahnarzt muss.
Fotos: Albert Wrotnowski








