Schloss Versailles: Lustschloss Grand Trianon. Foto: C. Fouin

Update: Françoise Heidet-Naudet hält am 03. Dezember 2025 auf der Messe Rocalia in Lyon einen Vortrag zum Thema.
 

Prächtiger Marmor aus Frankreich? Mancher mag sich fragen, ob es das wirklich gibt, schließlich sind andere Länder für exotische Steinsorten eher bekannt. Dennoch hat gerade Frankreich (und Belgien, nebenan) solche Sorten, und man kann ruhig betonen: hat (und nicht: hatte), denn viele der Steinbrüche dazu sind noch in Betrieb, können jedoch (aktuell) nur kleine Mengen liefern.

Françoise Heidet-Naudet, Naturstein-Fan und Frankreich-Enthusiastin, hat ein Buch zum Thema herausgebracht. „Marbres français. Voyage en Polychromie“ (Marmor aus Frankreich – Reise in die Vielfarbigkeit) ist der Titel. Darin stellt die Marketing-Expertin gut 50 solcher Sorten vor.

Palais des Congrès in La Grande-Motte (1983) mit rot-weißem Marmor aus dem Département Herault. Architekt: Jean Balladur (1924 – 2002). Foto: S. Sourioux

Das Buch mit 190 Seiten in exzellenter Fotoqualität ist nur auf Französisch zu haben, klar, aber wir empfehlen es dennoch unserer internationalen Leserschaft: Man kann es auch als pures Bilderbuch benutzen, und dann macht es mit seinen unglaublichen Fotos von Kunstwerken und aus Kirchen oder dem Schloss von Versailles Lust auf das, was vorangegangene Könner aus dem Material gemacht haben.

Außerdem gibt es die Software OCR als Erweiterung zu den üblichen Browser-Programmen, die Fotos von gedruckten Texten ohne Abtippen durch Einscannen oder Fotografieren lesbar macht.

Die Autorin zeigt auch einen Weg, wie nationale Steinbrüche sich den Importen aus der ganzen Welt entgegenstellen können: Sie stellt ausdrücklich heraus, dass die von ihr präsentierten Sorten nur noch in geringen Mengen gewonnen werden und deshalb teuer sind, also nur für Leute mit dem ganz exklusiven Geschmack erreichbar.

„Trinity“: Entwurf von Jordane Saget, realisiert von Yves Saget 2024, Auftrag von Cartier. Die drei hellen Töne der Marmore aus den Pyrenäen spiegeln Goldtöne wider: Rose de Sost, Joune de Médous, Blanc de Saint-Béat. Dazu der schwarze Noir d’Izaourt. Foto: J. Saget

Die Autorin ist ausgebildete Marketing- und Kommunikationswissenschaftlerin und hat auch für den Verband der Steine aus Burgund gearbeitet. Von dort kommen die klassischen Kalksteine, die man mit Frankreich verbindet, und die in großen Mengen abgebaut und auch nachgefragt werden.

Für ihr Buch hat sich Françoise Heidet-Naudet jedoch von diesen „Industriesteinbrüchen“, wie sie es ohne Kritik bezeichnet, abgewendet hin zu den „Marmorsteinbrüchen“. Damit meint sie jene vielleicht 80 exklusiven Sorten, die sich noch im Abbau befinden oder deren Abbaustätten kurzfristig wiederbelebt werden könnten.

Der geologische Teil des Buches über die Entstehung von Marmor ist kurz und liest sich auch für den Laien verständlich.

Einen ersten Schritt ins Erzählen macht sie, wenn es um die alten Arten des Abbaus, des Transports und der Verarbeitung geht. Das Thema der Binnenkanäle taucht hier auf, vergleichbar dem System der Navigli in Italien. In Frankreich waren die bunten Steine aus dem Languedoc über den Canal du Midi zum Atlantik gebracht, dann per Schiff nach Le Havre, von dort die Seine aufwärts nach Paris. In Italien gelangte der weiße Marmor aus den fürstlichen Steinbrüchen am Lago Maggiore am Rand der Alpen über die Binnenkanäle nach Mailand für den Bau des unvergleichlichen Doms.

Die Blütezeit erlebten die bunten französischen Steine unter Ludwig XIV., der eine regelrechte „Marmorpolitik“ betrieb und Repräsentanten seiner Verwaltung die besten Stücke für sein Schloss in Versailles (ab 1661) heraussuchen ließ.

Boden in der Kapelle im Schloss von Anet, um 1552, Architekt Philibert Delorme (1514 – 1570). Der Boden spiegelt exakt die Geometrie der Decke wider.

Das erste Augenmerk auf die bunten Sorten hatten die römischen Besatzer im damaligen Gallien. Françoise Heidet-Naudet merkt dazu an: „Die Villae, riesige landwirtschaftliche Anwesen, waren oft mit einem Luxus ausgestattet, den die Herrscher des späteren Königreichs Frankreich selbst auf dem Höhepunkt ihres Ruhms nicht wiedererlangten.“ Die Mosaike aus jener Zeit kann man noch heute bestaunen.

Während vom 15. bis 17. Jahrhundert die „Marmorrenaissance“ (Heidet-Naudet), von Italien ausgehend, den Stil der Antike wieder publik machte, kam auch Frankreich etwa 100 Jahre später mit den Königen Franz I. und Heinrich IV. auf diesen Geschmack.

Die zweite Hälfte des 17. und das 18. Jahrhundert bezeichnet die Autorin als „das goldene Zeitalter des französischen Marmors“ mit einer durch klare Linien und klare Formen sowie reiche Farben geprägten Architektur: „Die in Versailles allgegenwärtigen Marmordekorationen sind Ausdruck dieses ganz besonderen Baustils.“

Mit Napoleon III. und Baron Haussmanns Umgestaltung von Paris vor 1900 gab es einen neuen Boom für Marmor und auch für die Industriesteine.

Lust auf das Weiterlesen woanders machen die Erwähnungen der Autorin bezüglich Stéphane Dervillé, Édouard Empain oder Nicolas Gauthier, die zu den einflussreichsten Männern ihrer Zeit zählten und entweder Marmorunternehmer waren oder sogar als Steinmetze angefangen hatten.

Françoise Heidet-Naudet.

Auf rund 190 Seiten zeigt die Autorin die Sorten, für die sie sich so engagiert. Zu jedem Typ gibt es eine Nahaufnahme und Beispiele für die Verwendungen in Architektur, Design und Kunst. Was die Beispiele für Produktdesign angeht, handelt es sich um Gegenstände, die ihre Funktion erfüllen, nicht bloß außergewöhnliche Formen zeigen.

Schließlich: Sie zeigt kaum Fotos von Steinbrüchen, und wenn, nur dann nur besondere Landschaften statt Zerstörung der Berge.

Zuallerletzt folgen Kurzporträts von zehn Personen, die aktuell in Architektur, Design, Kunst, Restauration und Steinmetzhandwerk die Schönheit der Steine in die Öffentlichkeit bringen.

Wir erwähnen einige der Mitwirkenden am Buch, die neben der Autorin für dessen außergewöhnliche Qualität stehen:
* Künstlerische Leitung: Séverine Chupin, Agentur Les Pistoleros;
* Redaktion: Frédérick Vigot, Editions Vial,
* Fotogafen: Arnaud Finistre, Clérin/Morin;
* Journalist: Philippe Bertrand;
* Geologe: Eric Marcoux.

Marbres français. Voyage en Polychromie, 191 Seiten
ISBN 9782851012777
Editions Vial

Françoise Heidet-Naudet: Savoir French (französisch)

Das Buch „Marbres français. Voyage en Polychromie“.