Rimini-Meister: Haupt Johannes des Täufers, Niederlande um 1430; Bayerisches Nationalmuseum München. Foto: User:FA2010 / Wikimedia Commons

Weißer Marmor war das beliebteste Material der Bildhauer der Antike. In den Museen finden sich zahllose Beispiele für Skulpturen unterschiedlicher Größen und aus aller Herren Länder stammend, vor allem rund um das Mittelmeer. Entsprechend gut dokumentiert sind die Lebensberichte der bekanntesten Künstler, ihre Arbeitsweisen und die Bezugsquellen für das Material sowie umgekehrt die Lieferwege aus den Werkstätten zu den Kunden.

Im Mittelalter jedoch gab es in Europa noch ein anderes Material für die Kunst, das teilweise sogar dem Marmor die Rolle strittig machte: Alabaster. Er spielte über ein halbes Jahrtausend zwischen dem 12. und 17. Jahrhundert, besonders zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert, eine wichtige Rolle für kleine Statuetten oder auch für ganze Ausstattungen von Kirchen. Sie sind erhalten – jedoch ist beinahe nichts bekannt über die Art und Weise, wie Alabaster dereinst bearbeitet wurde, und über die Handelswege für die Kunst, und nur wenig weiß man über die alten Steinbrüche.

Forscher aus ganz Europa haben hier in den letzten Jahrzehnten viel neues Wissen erbracht. Zuletzt hat sich das Projekt „Materi-A-Net“ dem Thema angenommen. Die Federführung hatte das Kunsthistorische Institut der Universität zu Köln zusammen mit dem französischen Geologischen Dienst BRGM und dem Museum im belgischen Leuven.

Der Keuzigungsalter aus Rimini um 1430, im Liebieghaus, Frankfurt/Main. Foto: LiebieghausDer Keuzigungsalter aus Rimini um 1430, im Liebieghaus, Frankfurt/Main. Foto: Liebieghaus

Im Kern ging es um die Netzwerke der damaligen Zeit: So gab es eine Weile eine regelrechte „Alabaster-Diplomatie“ zwischen Fürstenhöfen im Dreieck Lothringen-Hessen-Franken. Dort ließen die lokalen Herrscher Alabaster abbauen und gaben Kunstwerke in Auftrag, die dann in ganz Europa verkauft wurden. Die Künstler, meist als Reisende von Hof zu Hof tätig, pflegten einerseits die politischen Beziehungen zwischen den Herrschaften, besorgten andererseits auch die Verbreitung ihres Wissens und Könnens.

Der Alabaster, von dem hier die Rede ist, ist eine Form von Gips mit hohem Gehalt an Wasser; ist er ganz trocken, nennt man ihn Anhydrit. Seine weiße Farbe kann dem Marmor sehr nahekommen, jedoch ist er viel leichter zu bearbeiten. Allerdings: Er ist nicht wetterbeständig.

Er kommt in regelrechten Bänken oder in Knollen in Sedimentgesteinen vor.

In England in den Midlands hatte sich bis zur Reformation eine regelrechte Massenproduktion etabliert, deren Produkte in großen Mengen auf den Kontinent geliefert wurden. In Spanien wurde er vor allem im ehemaligen Königreich Aragonien im Ebro-Tal und in den Pyrenäen abgebaut. Den toskanischen Alabaster gewannen schon die Etrusker, dann gab es jedoch eine Pause, bis die Bildhauer der Renaissance das Material wiederentdeckten.

12 Meter hohes Epitaph aus Heldburger Alabaster in der Morizkirche Coburg für Herzog Johann Friedrich den Mittleren (Bildhauer: Nikolaus Bergner aus Heldburg, 1596/1598). Foto: Störfix / Wikimedia Commons

Viele Alabasterbrüche in Frankreich wurden inzwischen identifiziert, ebenso in Deutschland und weiter Richtung Osten über Polen bis in die Ukraine.

Bei solch einem Verbreitungsgebiet gibt es natürlich für die heutige Forschung zahlreiche Verwirrungen. Zwei Beispiele:
* Die berühmte Skulptur der Jungfrau der Verkündigung von Javernant war sich zusammen mit einem Engel in einer kleinen Kirche in Frankreich zu Hause; heute befindet sich die Jungfrau im Louvre und der Engel im Museum von Cleveland jenseits des Atlantiks. Mithilfe von Isotopen-Untersuchungen am Alabaster konnten die Forscher inzwischen mit Sicherheit feststellen, dass der Stein in beiden Fällen beim Dorf Malaucène im Departement Vaucluse gewonnen worden war. Zunächst aber hatte es – sogar bei dieser geochemischen Methode – eine Verwirrung gegeben: Denn eine der ersten Materialproben war fatalerweise exakt aus jener Stelle in der Statue entnommen worden, an der es eine Restauration mit Material von woanders gegeben hatte. Die Restauration wurde erst vor wenigen Jahren entdeckt;
* dem berühmten Meister von Rimini kommen die Forscher schrittweise immer näher. „Seine ausschließlich aus Alabaster gefertigten Werke waren von der Adria bis nach Artois, von den italienischen Seen bis nach Schlesien zu finden und sind heute in Museen auf der ganzen Welt zu sehen“, heißt es in einem Report auf Französisch in der Zeitschrift „The Conversation“. Er muss die Netzwerke der damaligen Zeit gekonnt bespielt haben – jedoch ist der Knotenpunkt dieser Netzwerke, nämlich seine Werkstatt, bisher nicht identifiziert. Allerdings haben die Forschungen mit der Isotopenanalyse die möglichen Standorte dafür eingegrenzt: Denn überraschenderweise fand man heraus, dass alle seine Werke aus einer einzigen Alabastersorte gefertigt wurden, die aus einem Steinbruch unweit von Nürnberg stammt. Dafür muss es einen Grund geben – denn als Alternative zu diesem Alabaster gab es in ganz Europa die englische Variante, und ein geschäftstüchtiger Künstler musste auch die Kosten für die Materialbeschaffung bedacht haben.

Muhammad Ali Moschee, auch: Alabaster-Moschee, Kairo. Foto: Dennis G. Jarvis / Wikimedia Commons

Ein Thema im Projekt „Materi-A-Net“. Spuren am Material geben darüber reichlich Auskunft. So weiß man inzwischen, dass es reine Alabasterwerkstätten gab, aber auch solche, die mit Holz und dem weichen Stein arbeiteten, wie etwa der berühmte Tilman Riemenschneider. Ein Video zeigt, wie eine Alabasterknolle mit einer Säge in das gewünschte Rohstück für die künstlerische Arbeit gebracht wird.

Insgesamt tragen die Forschungen auch dazu bei, mehr über die Alltagswelt vor einigen hundert Jahren zu erfahren. Auf der Webpage des französischen Geologischen Dienstes BRGM heißt es: „Seit jeher wird Europa von unsichtbaren Handelsnetzen durchzogen, über die Güter, Menschen und Ideen zirkulierten und die sich ständig veränderten und neuformierten.“

Abbazia di Sant'Antimo in Montalcino, Italien: Mauerwerk und Säule aus Alabaser. Foto: MM / Wikimedia Commons

Vom Marmor war schon lange bekannt, dass die Händler ihn über weite Strecken transportierten. Gleiches gilt für Bernstein aus dem Baltikum, den man in keltischen Gräbern gefunden hat, ebenso Keramik aus den Werkstätten der Etrusker oder aus dem heutigen Griechenland. Nun hat auch der Alabaster den Zugang in die Reihe dieser besonderen Materialien gefunden.

Materi‑A‑Net

BRGM (französisch)

The Conservation (französisch)

Der Keuzigungsalter aus Rimini, um 1430, im Liebieghaus, Frankfurt/Main