Klippen an einer Küste haben die Menschen immer fasziniert, treffen doch hier das wilde Meer und die unbeweglichen Felsen des Landes aufeinandner. Ein besonderer Ort ist die Steilküste von Étretat an der Atlantikküste der Normandie mit ihren drei auffälligen Felsentoren – der Porte d’Amont, der Porte d’Aval und der Manneporte. Der Ort zog im 19. Jahrhundert zahlreiche Künstler in seinen Bann, etwa den aufstrebenden Maler Claude Monet, der den Felstoren etliche Gemälde widmete: Unter dem Eindruck der sich stets verändernden Licht- und Wetterverhältnisse begann er in Étretat damit, Motivreihen zu malen, eine Arbeitsweise, die sich später zu seinem Markenzeichen entwickeln sollte.
Das Städel Museum in Frankfurt/Main präsentiert in einer Ausstellung mit dem Musée des Beaux-Arts de Lyon vom 19. März bis 05. Juli 2026 eine große Ausstellung über die künstlerische Entdeckung des einstigen Fischerdorfes Étretat und seinen Einfluss auf die Malerei der Moderne. In Frankfurt werden rund 170 herausragende Gemälde, Zeichnungen, Fotografien und historische Dokumente aus führenden französischen, deutschen und weiteren internationalen Museen sowie aus verschiedenen Privatsammlungen zu sehen sein. Darunter sind allein 24 Werke von Claude Monet.
Étretat spielte eine bedeutende Rolle bei der Entstehung einer neuen Malerei, die als Impressionismus in die Geschichte der Kunst einging. Das Interesse der Künstler an dem Ort galt vor allem der charakteristischen Klippenlandschaft, die als aufregend schön und bedrohlich zugleich wahrgenommen wurde. Maler und Schriftsteller reisten nach Étretat und machten den abgelegenen Ort durch ihre Werke über die Grenzen Frankreichs hinaus berühmt.
Mit der zunehmenden touristischen Erschließung um 1850 entwickelte sich Étretat zu einem beliebten Seebad und zu einem Treffpunkt für Künstler, Intellektuelle und das Pariser Bürgertum: Gustave Courbet malte hier seine berühmten Wellenbilder, Guy de Maupassant erhob Étretat literarisch zu einem Sehnsuchtsort, und der Gentleman-Gauner Arsène Lupin, die Romanfigur von Maurice Leblanc, hortete hier seine Schätze.
Die Ausstellung vereint neben Werken von Eugène Delacroix, Gustave Courbet, Claude Monet und Henri Matisse eine Vielzahl weiterer wichtiger Positionen der modernen und zeitgenössischen Kunst – von Eugène Le Poittevin über Camille Corot, Gustave Caillebotte und Johann Wilhelm Schirmer bis hin zu Elger Esser. Gemeinsam verdeutlichen die Arbeiten die anhaltende Faszination, die dieser Ort bis heute ausübt. Die Leihgaben stammen unter anderem aus dem Musée d’Orsay in Paris, dem Metropolitan Museum of Art in New York, der National Gallery of Canada in Ottawa, dem Fitzwilliam Museum in Cambridge sowie den Staatlichen Museen zu Berlin.
Seit mehr als 150 Jahren ist Étretat Urlaubsort und Ziel des internationalen Tourismus. Die Menschenströme bedrohen die Steilküste jedoch ebenso wie die Erosion und der Klimawandel. Die Untersuchung des Mythos Étretat ermöglicht es somit auch, wie unter einem Brennglas die ambivalenten Auswirkungen der Popularisierung eines Ortes und die Rolle, die die Kunst dabei spielte, nachzuvollziehen. Mit der umfassenden Ausstellung „Monets Küste. Die Entdeckung von Étretat“ lädt das Städel Museum ein, Étretat anhand berühmter Meisterwerke des 19. und 20. Jahrhunderts in seiner Faszination und Fragilität neu zu erkunden.
Übrigens: Die Küste von Seine-Maritime mit Étretat wird von einem langen Band weißer Kreidefelsen gesäumt, an deren Fuß das schäumende Meer milchig-grüne Farbtöne annimmt, was ihr den Namen Côte d’Albâtre (Alabasterküste) eingebracht hat.




