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Architektur: experimentelle Gebäude, Pflaster und Designideen

(Mai 2011) Die modernisierte Variante einer uralten Bauweise wurde im letzten Jahr mit einem der französischen Preise für das Bauen mit Naturstein ausgezeichnet: es handelt sich um weite Gurtbögen, die zum Beispiel ein Dach tragen können. Bei dem Projekt „Bâtiments expérimentaux“ („Experimentelle Gebäude“) des Atelier de la Pierre d’Angle, einem Weiterbildungszentrum für Steinmetze, sind die Steinquader mit einem Stahlseil durchzogen und vorgespannt. So lassen sich Dachbögen über 20 m spannen. Auch können damit erdbebensichere Gebäude errichtet werden.

Eine Neuerung besteht auch in der Form der Steinquader. Herkömmlich sind sie bloß rechteckig. In ihre moderne Form flossen wissenschaftliche Erkenntnisse ein: ihre Seiten folgen nun der Linie einer Sinuskurve, so dass sie ineinander greifen, statt nur vom eigenen Gewicht gehalten zu werden.

In dem Gebäudeentwurf stehen die Bögen in einem Abstand von 4 m nebeneinander. Auf der Unterseite formen sie das klassische Rund, auf der Oberseite sind sie gerade, so sich eine ebene Fläche für das Dach ergibt.

Überraschend an der Konstruktion ist, wie vielfältig sie sich ausführen lässt. Das zeigen die Computerentwürfe aus dem Projekt. Architekt war Professor Giuseppe Fallacaravon von der Polytechnischen Hochschule im italienischen Bari.

Atelier de la Pierre d’Angle (französisch)

Die Pariser City strahlt Pracht und Reichtum aus, was auch darin begründet ist, dass Baron Haussmann, der um 1850 der Stadt ihr heutiges Gesicht gab, ein Faible für Kalkstein hatte. Zahlreiche Bahnhöfe oder Verwaltungsgebäude sind damit verkleidet. Vielfach wurde der Stein nördlich von Paris gebrochen. Dort hat sich 2007 ein Verband gegründet, der die Tradition seiner Steinindustrie wach halten will. Derzeit entsteht im Städtchen Saint-Maximin ein Informationszentrum mit dem Titel La Maison de la Pierre du Sud de l’Oise, dessen Architektur ebenfalls einen Preis bekam.

Auf ungewöhnliche Weise wurde hier versucht, das Thema des Hauses auf seine Fassade zu übertragen: Sie ist haushoch mit rohem Stein verkleidet, so dass der Besucher meint, vor einer Wand im Steinbruch zu stehen. Verstärkt wird dieser Eindruck noch dadurch, dass die Platten unübersehbar die Spuren der Bohrungen zeigen. Damit das Ganze nicht monströs wirkt, wechseln sich an den Längsseiten die steinernen Fassadenteile mit großen Glasflächen ab.

Architekt war Bruno Croizé von AYBC. Der Stein ist der Kalkstein Saint Maximin. Geliefert wurde er von der Firma Rocamat.

AYBC (französisch)

Rocamat (französisch)

Communes de Pierre Sud Oise (französisch)

Dass eine ebene Straße sich zu einer senkrecht stehenden Wand aufrichten kann, ist eigentlich nur im Film möglich, wie kürzlich in „Inception“ mit Leonardo di Caprio in der Hauptrolle zu sehen. Etwas Ähnliches kann man in dem Städtchen Olliergues in der Auvergne bewundern: Dort bekamen die Straßen einen Belag aus Steinen, der nahtlos in die Fassaden der alten Häuser überzugehen scheint, zumindest in deren Sockel oder in die Brunnen auf den Straßen. Auch dieses Projekt bekam einen der Preise.

In drei Varianten wurde der Stein auf die Dorfstraße gebracht: zum einen in Form von Platten aus dem gelblichen Granit der Hausfassaden; zum anderen in unregelmäßigem Pflaster aus Bruchstücken desselben Materials; schließlich als dunkle Kiesel. Diese wiederum wurden seit jeher als Kopfsteinpflaster auf den Wegen verlegt – nun aber sind sie in der Mitte durchgeschnitten, so dass die Oberseite flach und bequem zu begehen ist.

Ziel des Architekten war es, die Straße wieder den Bürgern zurückzugeben. Wie es in einer Beschreibung heißt, ging es darum, den schwarzen Asphalt durch eine „Stadtlandschaft aus heimischem Material und heimischer Geschichte“ zu ersetzen. Für die Autos gibt es weitern einen Asphaltstreifen.

Landschaftsarchitekt war Michel Astier (Mail).

Die Pflasterarbeiten führte die Firma Durand Pavage aus (französisch).

Auch ein Designobjekt wurde ausgezeichnet. „Phalaénopsis“ heißt die Lampe von Arnaud Etienne Fontaine, nach der Orchideenart benannt. Sie ist 120 cm hoch, 20 cm x 20 cm misst ihre Grundfläche. Je nach dem Wunsch des Kunden können unterschiedliche Steinsorten zum Einsatz kommen. Jedes Werk versieht der Designer mit einer Nummer und seiner Signatur. Als Lichtquelle dienen LED-Leuchten mit geringem Energieverbrauch.

Arnaud Etienne Fontaine

Ein Unterstand nach Art der italienischen Trulli gehört zum Parc Régional du Lubéron, der ebenfalls einen Preis bekam. Von dem Bauwerk hatte es nur noch eine Ruine gegeben. Nun wurde seine Verkleidung in klassischer Trockenbauweise wieder hergestellt. Ziel war, Materialien aus der Umgebung zu benutzen: die 25 m³ Stein kamen aus nur 4 km Entfernung. Zum Park gehört auch noch ein Wasserbassin, das ebenfalls prämiert wurde. Architekt war Christian Hudelot.

Was wir als französischen Preis für das Bauen mit Naturstein bezeichnet haben, heißt in der Landessprache Concours d’Architecture Pierre Naturelle. Die Auszeichnung wurde in diesem Jahr zum zweiten Mal vergeben. Sie ist eine Initiative des Syndicat National des Industries de Roches Ornementales et de Construction (SN ROC) nicht übersetzen, und der Fachzeitschrift „Pierre Actual“. Einige der Preisträger hatten wir bereits in unserer letzen Ausgabe vorgestellt.

„Pierre Actual“ (französisch)

Fotos mit freundlicher Genehmigung von „Pierre Actual“.