Ein wieder zusammengesetztes Steinartefakt, gefunden an der Fundstelle Jojosi 1, aus drei Perspektiven. An dem aus vier Teilen bestehenden 3-D-Puzzle lassen sich die letzten drei von einem Menschen durchgeführten Schläge nachvollziehen. Quelle: Universität Tübingen / Gunther H. D. Möller

Bereits vor 220.000 Jahren bauten Menschen Steine für ihre Werkzeuge an Orten ab, die sie eigens dafür aufsuchten – deutlich früher als bisher angenommen. Das konnte ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Universität Tübingen an der Fundstelle Jojosi in Südafrika nachweisen und widerlegt damit das vorherrschende Paradigma, nach dem Jäger und Sammlergruppen während der Altsteinzeit das Material für Steinwerkzeuge beiläufig bei anderen Aktivitäten sammelten. Die Studie erschien in der Fachzeitschrift Nature Communications.

„Wir fanden in Jojosi zahlreiche Spuren des Hornfelsabbaus: Blöcke, die auf ihre Qualität hin angeschlagen wurden, Abschläge verschiedener Größe, tausende millimetergroße Produktionsabfälle und Hammersteine“, sagt Dr. Manuel Will aus der Abteilung für Ältere Urgeschichte und Quartärökologie der Universität Tübingen. Hornfels ist ein feinkörniges Gestein, das in der Steinzeit zur Herstellung von Werkzeugen verwendet wurde. „Die Menschen bearbeiteten hier vor Ort Felsblöcke und schlugen so lange Material ab, bis sie aus dem Stein die gewünschten Formen gewonnen hatten – wahrscheinlich, um daraus später Werkzeuge herzustellen.“

Archäologische Ausgrabungen an der Fundstelle Jojosi 6 im Jahr 2024. Die Person am Tachymeter dokumentiert die genaue räumliche Position aller gefundenen Artefakte in 3D mit einem Laser. Quelle: Universität Tübingen / Manuel WillDabei fanden die Forschenden beinahe ausschließlich den ‚Produktionsabfall‘. Die Abwesenheit sowohl der Endprodukte als auch anderer Aktivitäts- und Besiedlungsspuren legen nahe, dass die Menschen der Steinzeit Jojosi ausschließlich und absichtlich aufsuchten, um das begehrte Rohmaterial zu gewinnen – und das über zehntausende von Jahren hinweg, mindestens bis 110.000 v. Chr., wie die Lumineszenzdatierung der Fundstücke ergab. Mit ihrem hohen Alter und der langen Nutzungsdauer erweitert Jojosi das Bild des frühes Homo sapiens, der schon weit früher als bisher gedacht die Beschaffung von Ressourcen langfristig plante.

Der Ausgrabungsort Jojosi befindet sich in einer weitläufigen Graslandschaft im östlichen Südafrika, etwa 140 Kilometer von der Küste des Indischen Ozeans entfernt.

Will, M., Sommer, C., Möller, G. H. D., Botha, G. A., Blessing, M. A., Msimanga, L., Mazel, A., Val, A., Venditti, F., Riedesel, S: Specialised and persistent raw material procurement by humans in the Middle Pleistocene. Nature Communications, http://doi.org/10.1038/s41467-026-70783-8

Quelle: Universität Tübingen