Latest News: Das Projekt wurde mit einem der 2026 UK RIBA South Awards ausgezeichnet
Auf dem Gelände der berühmten Oxford University in England wurde neben Geistesgeschichte auch Architekturgeschichte geschrieben: Ihr New College, im Jahr 1379 gegründet, erfand die Idee der Lehranstalt in Abgeschiedenheit wie in einem Kloster, nämlich mit Lehrsälen, Wohngebäuden und Kapelle um einen Innenhof herum, abgeschlossen nach außen zur Stadt. Einer der Gründe dafür war, dass es im Leben der Studenten nicht selten zu Mord und Totschlag kam. Das wurde für viele Jahrhunderte zum Vorbild für Colleges, bis Ende des 17. Jahrhunderts, wieder in Oxford, der „Garden Quad“ erfunden wurde: Der Innenhof war gewissermaßen unendlich, nämlich auf der einen Seite offen zur Stadt, Ausdruck auch des neuen Zugangs für alle Menschen zum Wissen. Bürger konnten dort sogar gegen Gebühr wohnen. Seit einem Jahr gibt es nun für das alte New College eine Erweiterung – der Anspruch war wiederum, den Zeitgeist einzufangen und durch die Gebäude zu zeigen, dies auch mit dem Ziel, dass sich die Studenten in den 94 neugeschaffenen Wohnungen dort zuhause und wohlfühlen mögen.
Das Architekturbüro David Kohn hatte die Ausschreibung gewonnen. Acht Jahre wurde gebaut, im Jahr 2024 war Fertigstellung.
Was ist der neue Zeitgeist, der sich im New College abzeichnet? Es ist im Kern die neue Aufmerksamkeit des Menschen für die Umwelt um ihn herum, kurz gesagt: nach Jahrhunderten der gnadenlosen Ausbeutung und dabei auch der Zerstörung der Ressourcen bemühen sich die Zeitgenossen heute um ein Zusammenleben mit der Natur und einen schonenden Umgang mit deren Ressourcen.
Nachhaltigkeit ist das Motto, angefangen vom Energiesparen bis hin zum Bemühen, möglichst wenig CO2 freizusetzen.
Folglich hat David Kohn vorrangig natürliche Baumaterialien verwendet und seinen Neubauten Anklänge an natürliche Formen gegeben. Es steckt viel Expressionismus in dieser Architektur: Manches erinnert an den Österreicher Friedensreich Hundertwasser, manches an den Spanier Antoni Gaudí, aber nicht zuletzt der Deutsche Hans Scharoun hatte sich mit seiner berühmten Philharmonie in Berlin vom starren Rechteck gelöst.
Im Mittelpunkt der neuen „Gradel Quadrangles“ (Gradels Höfe), benannt nach dem Sponsor, steht ein 21,5 m hoher Turm. Mit seinen sieben Stockwerken ragt er über die vielen neugotischen Türme des Colleges drumherum heraus. Seine Form, wieder mal suchen wir nach einem Vergleich, erinnert an eine Graspflanze aus der Wiese, deren drei Blätter im Moment noch um den Stil geschlossen sind, sich aber bald für die Blüte öffnen werden.
Wir können nicht umhin und müssen bei der Betrachtung der Fotos noch ein wenig fabulieren: Denn diese Wiese aus gotischen Bauwerken hat den neuen modernen Turm, um den oben, wie es typisch ist für Wiesengräser im Sommer, ein paar Insekten herumkrabbeln: Hier sind es traditionelle steinerne Grotesken wie aus mittelalterlichen Zeiten, als das College ursprünglich entstand. Geschaffen hat sie der Steinmetz Fergus Wessel, entworfen wurden sie von der extravaganten Künstlerin Monster Chetwynd.
Die Botschaft dieser Skulpturen in der Wand ist mehr als nur Dekor oder Spaß: Unser Foto ganz oben zeigt ein Schuppentier (Pangolin), ein Säugetier aus tropischen Regionen wie Malaysia. Alle seine Unterarten sind stark bedroht, hier ausgedrückt durch den Klammergriff, mit dem sich das Tier furchtsam am Gesims halten muss. Dekor am Hauptgebäude sind Bärenköpfe.
Kunst findet man auch am Portiershaus: Zum einen ist es das Eingangsgitter, das Eva Rothschild gestaltet hat, zum anderen dieses geduckte Gebäude aus rotem Sandstein selbst, das nun wirklich der Zwergenwelt von J.R.R. Tolkien entsprungen zu sein scheint.
Ähnlich die Gestaltung der Dächer mit den Wellen.
Den ökologischen Fußabdruck der drei Gebäude (Turm, Gradel Quadrangle, Portiershaus) möglichst gering zu halten, war eine der Leitlinien, wie bereits gesagt. Das Dachgebälk konnte aus Holz erstellt werden, nachdem man Firmen gefunden hatte, die sich an solch ein Projekt herantrauten. Der Belag besteht aus Aluminiumschindeln, die in der Verlegung das Schuppenmuster aus der Natur aufgreifen.
Die Fassaden sind ganz aus Naturstein errichtet. Eine Besonderheit ist, dass sie selbsttragend sind und nicht an den Betonmauern dahinter hängen. Das erhöht die Isolation durch die hohe thermische Masse des Steins.
Die zweite Besonderheit ist die Verlegung der Steinplatten und das Dekor, das die Architekten den Fassaden gegeben haben.
Markant ist das Sägezahnmuster entlang der Fassade unter dem Dach. Als „Flammensims“ haben die Architekten das Design bezeichnet, heißt es in dem unten verlinkten sehr detaillierten Bericht im Magazin „The Architects Journal“.
Dominante senkrechte Linien aus dem roten Sandstein steigen durch den cremefarbenen und gesprenkelten Ancaster Kalkstein nach oben. Die dafür verwendeten Steinplatten sind jedoch in diagonalem Muster angeordnet.
Der Turm beherbergt in den oberen Geschossen die Forschungseinrichtung Gradel Institute of Charity. Man beachte die Form der Fenster dort. Darunter liegen Studentenwohnungen mit Gemeinschaftseinrichtungen wie Küche usw.
Weitere Wohnungen gibt es im Hauptgebäude rund um den Hof, den Pflasterungen wie kleine Tümpel zieren. Ebenerdig liegt dort eine Konzerthalle. Weitere Einrichtungen sind ein Studienzentrum, eine gemeinsame Mensa usw.
Die Gesamtkosten beliefen sich auf 72 Millionen £ (etwa 97 Millionen $).
Natursteinfassade: Grants of Shoreditch
Grotesken/Wasserspeier: Fergus Wessel, Monster Chetwynd
Fotos: Will Pryce Photography







