Die in der Bronzezeit vor mehr als 3.200 Jahren auf Sardinien errichteten „Nuraghen“, charakteristische massive Steintürme, wurden mitunter einige Jahrhunderte später weiterhin zu sozialen und spirituellen Zwecken genutzt, als sich zu Beginn der Eisenzeit neue religiöse Praktiken auf der Insel entwickelten. Funde wie ein Votivschwert und Zeremonialgefäße aus der zentralsüdlich auf Sardinien gelegenen Fundstätte Nuraghe Barru belegen, dass der bronzezeitliche Bau bis in die Eisenzeit genutzt wurde. Das ergab eine Studie eines internationalen Forschungsteams, geleitet von Dr. Silvia Amicone von der Archäometrie der Universität Tübingen in Zusammenarbeit mit der lokalen Denkmalbehörde.
Sardinien ist bekannt für seine annähernd 7.000 Nuraghen, die während der Bronzezeit errichtet wurden. „Ob sie als Verteidigungsanlage, Wohngebäude oder für rituelle Zwecke genutzt wurden, ist bis heute umstritten“, berichtet Silvia Amicone. „Sie dominierten die Landschaft der Insel für Jahrhunderte.“ Zum Ende der Bronzezeit und in der frühen Eisenzeit zwischen 1200 und 800 v. Chr. veränderte sich die sardische Gesellschaft jedoch. Heilige Stätten oder auch heilige Brunnen wurden auf der Insel errichtet. „Wir sind der Frage nachgegangen, ob die alten Nuraghen dadurch ihre Bedeutung verloren hatten“, sagt Amicone.
Bei den Ausgrabungen an der Nuraghe Barru legte das Forschungsteam unter der Leitung von Dr. Chiara Pilo von der Sopintendenza innerhalb der Turmanlage einen sorgfältig versiegelten Zisternenbrunnen frei. „Ganz unten im Brunnen lag eine Sammlung zerschlagener keramischer Gefäße, darunter erkennbar Kannen, eine Miniaturamphore und ein seltenes Zeremonialgefäß mit vier Griffen“, sagt Pilo. „Außerdem fanden wir tierische und menschliche Überreste.“ Danach sei der Brunnen durch Kalksteinfliesen verschlossen worden.
In der Nähe des Brunnens fanden die Forscherinnen und Forscher Votivgaben, also symbolische Opfer an höhere Mächte, die entlang einer Treppe abgelegt waren. Darunter waren ein 94 Zentimeter langes Bronzeschwert, drei klingenartige Bronzegegenstände und ein Klumpen aus Kupfer. Die Treppe wurde später zugestellt und der Zugang zum oberen Geschoss blockiert. „Insgesamt deuten die Funde eher auf eine Episode ritueller Handlungen hin als auf zufällig entsorgte Gegenstände“, sagt Pilo. „Dadurch wurde auch das Gebäude selbst verändert.“
Amicone, S., Tiezzi, V., Broisch-Höhner, M., Freund, K. P, Heinze, L., Morandi, L. F., Salis, G., Pilo, C.: Ritual and connectivity in Nuragic Sardinia: an interdisciplinary study of ceramics and metalwork from Nuraghe Barru. Open Archaeology, https://doi.org/10.1515/opar-2025-0078
Quelle: Universität Tübingen

