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Architektur: Steinmauern als Sparkasse

Das Vertrauen der Bürger in die Banken war schon vor der Finanzkrise gering. „Die Banker wollen nur dein Bestes, nämlich dein Geld“, lautete ein böser Spruch. Untersuchungen des US-Marktforschungsinstituts Forrester Research haben seit dem Crash von Lehman Brothers kontinuierlich gezeigt, dass der Verlust an Vertrauen anhält.

Daraus könnte die Steinindustrie Kapital schlagen. Aus Frankreich kommt nämlich das Konzept des Massivbauens mit Naturstein, und es bietet dem Verbraucher die Möglichkeit, im eigenen Haus sein Geld auf lange Zeit sicher anzulegen: die Steine können, wenn das Haus einmal abgerissen wird, vollständig wiederverwendet werden.

Das Baumaterial, sprich: der Stein, taucht hier nicht als Kostenfaktor auf, sondern ist eine Investition. Dadurch wird ein altes Haus gewissermaßen zur Sparkasse für ein neues.

Zwar wirft auf den ersten Blick das in den Stein investierte Geld keine Rendite ab, sondern behält nur seinen Wert. Mit einer anspruchsvollen Architektur aber bekäme der bloße Materialwert noch einen Mehrwert dazu. Eine moderne Idee für solcherart Massivbauen zeigte die italienische Firma Lithos Design zusammen mit dem Designer Raffaello Galiotto auf der Marmomacc 2011.

Das Konzept wurde nach dem 2. Weltkrieg in Frankreich entwickelt. Das Grundprinzip besteht in einem Baukastensystem: aus dem Steinbruch kommen mittelgroße Blöcke (80 bis 200 cm lang, zirka 100 cm hoch, 20 bis 60 cm dick) in wenigen Standardmaßen, die auf der Baustelle nur noch nach Plan zusammengefügt werden. Zement kommt nicht zum Einsatz.

Entscheidend für unsere Betrachtung ist, dass sich solch ein Haus nach demselben Plan auch wieder demontieren lässt. Folglich können spätere Generationen ihr Elternhaus auch derart nutzen, dass sie mit dem Material ein neues Gebäude zum Beispiel mit der dann aktuellen Haustechnik errichten.

Wie die Erfahrungen aus Frankreich zeigen, sind die Aufwändungen für das Material unerwartet gering. Die kleinen Blöcke sind billiger als die heute üblichen großen, weil Material zweiter Qualität eingesetzt werden kann.

Kostensenkend wirkt auch das Baukastensystem: bei einem Einfamilienhaus in Frankreich waren 3 Arbeiter mit einem kleinen Kran nur 9 Tage mit dem Errichten der Mauern beschäftigt. Auch entfallen die Kosten für das Verputzen der Fassade.

Wir hatten in vorherigen Ausgaben einige der Projekte aus Frankreich vorgestellt. Unsere Fotos zeigen ein Beispiel für ein öffentliches Gebäude aus Massivstein, das Musée des Vins im Ort Patrimonio auf Korsika. Der Architekt war Gilles Perraudin, einer der Vorreiter der Idee.

Allerdings: ganz so einfach ist das Massivbauen in Stein nicht. Denn mit den Standardgrößen der Blöcke sind die Gestaltungsmöglichkeiten für den Architekten eingeschränkt. Auch muss schon beim Bau die Wiederverwendung im Blick gehalten werden: die Rohre oder die elektrischen Leitungen können nicht mehr wie bisher durch die Wände gezogen werden, sonst ist die Wiederverwendung der Steine nur noch eingeschränkt möglich.

Damit allerdings würde der Hausbau nur eine Entwicklung nachvollziehen, die bei der Konstruktion von Alltagsmaschinen schon üblich ist: eine Waschmaschine zum Beispiel wird so entworfen, dass sich später ihre Einzelteile nach Stoffgruppen wieder trennen lassen.

Grenzen sind dem Massivbauen auch insofern gezogen, als das Material nicht aus großen Entfernungen herantransportiert werden kann. Sonst geht alle CO2-Einsparung etwa aus dem Verzicht auf Zement gleich wieder verloren. Davon aber würden die Steinbrüche vor Ort profitieren.

Interessant an dem Konzept ist besonders, dass es sich eine typische Eigenschaft des Steins zu Nutze macht, nämlich die Langlebigkeit. Die konnte die Branche bisher nie effektiv in die Waagschale werfen: das vielfach vorgetragene Argument, dass schließlich die Pyramiden schon seit 4000 Jahren stehen, hat beim Verbraucher immer nur Kopfschütteln hervorgerufen.

Unsere Berichte zum Thema: 1, 2.

Doktorarbeit aus der Schweiz zum Thema (französisch)

Forrester Research

Lithos Design (Video)

Perraudin Architectes (französisch)

Fotos: Serge Demailly (Mail) / Gilles Perraudin Architectes

 

 

 

(April 2012)