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Kunst: die Welt der Tiere vor fast 4500 Jahren

(Juni 2012) Zum Beispiel der Jaguar aus dem Grab des Pehenuika um 2400 v. Chr.

So hat man ihn noch nie gesehen, mit dem leicht vorgestreckten Kopf und den wachsamen Augen, die irgendetwas zu fixieren scheinen. Voller Leben erscheint das Relief, das ein Künstler aus Kalkstein herausarbeitete – vor fast viereinhalb Jahrtausenden.

In Berlin sind zahlreiche solcher Tierdarstellungen in neuer Präsentation zu sehen: viel offener als zuvor und vor allem mit einer ausgeklügelten Beleuchtung versehen, die die Details der Darstellungen hervorholt. Die Werke befinden sich im Neuen Museum auf der Museumsinsel, das unter David Chipperfield einer Modernisierung unterzogen wurde.

Vor allem die Vielfalt im künstlerischen Ausdruck ist bemerkenswert. Während nämlich die Menschenportraits im Alten Ägypten nach bestimmten Standards gestaltet wurden – mit typischen Gesten und in immer wiederkehrender Kleidung sowie thronend oder in einem „Gehen im Stehen“, wie Thomas Mann es formulierte -, sind die Tiere in realen Situationen wiedergegeben: im gegenseitigen Beschnüffeln vor der Paarung, störrisch als junger Esel, aufgescheucht in einem Vogelschwarm oder auch verletzt als Beute nach einer königlichen Jagd.

Plötzlich sieht man als Betrachter die Emotionen, die die Künstler ihren Reliefs mitgaben. Noch faszinierender ist aber die Individualität, die die Tiere auszeichnet: wenn man etwa die vielen Gänse in einem der großen Grabreliefs fotografiert und diese Bilder nebeneinander legt, entdeckt man plötzlich kleine Details an ihren Schnäbeln oder im Gefieder – „die Bildhauer fanden in den Tierbildern ein weites Feld freier Entfaltung, das ihnen beim Menschenbild versagt blieb“, heißt es in dem kürzlich erschienenen Buch „Tierbilder und Tierzeichen im Alten Ägypten“, das sich dem Thema widmet. Dort findet man die Galerien von Vogelköpfen und sieht, wie sie sich voneinander unterscheiden. In Ausschnitten wird auch auf Details hingewiesen, etwa auf die Hunde am Fuß des Wüstenpolizisten oder auf die Meerkatze, die an ein Stuhlbein angebunden ist.

Außerdem gibt es kurze Erörterungen etwa zur Rolle der Tiere in der altägyptischen Mythologie oder zu den Tiersymbolen in der Hieroglyphen-Schrift.

Dass durch die neue Beleuchtung aber ebenso unübersehbar hervorkommt, wie die Linien an manchen Stellen im Kalkstein zerstoßen oder abgebröckelt sind, gibt den Bildern nur noch einen zusätzlichen Reiz angesichts des unvorstellbaren Alters der Kunstwerke.

„Tierbilder und Tierzeichen im Alten Ägypten“, Dietrich Wildung, Waltraud Braun (Hg.), Deutscher Kunstverlag, 144 Seiten mit 111 farbigen Abbildungen, 24 x 28 cm, Hardcover, ISBN: 978-3-422-07056-1, Preise: 19,90 € (D), 20,50 € (A), 28,90 SFR (CH)