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Architektur: dekorative Stein-Ornamente an der Fassade

(September 2012) Der Gegensatz ist unübersehbar: die Gebäude in dem neuen Moskauer Wohnkomplex mit der Adresse Granatniy 6 sind unverkennbar modern und sachlich, kurz: wie drei einfache Schachteln nebeneinander gestellt.

Aber die Fassaden sind mit Ornamenten reich verziert, wenn auch nicht überladen.

Einen „Dritten Weg zwischen Moderne und Tradition“ hätten sie für die luxuriöse Wohnanlage gewählt, schreiben die Architekten von Speech Tchoban/Kuznetsov. Da steckt natürlich ein Augenzwinkern dahinter, denn den sprichwörtlichen Dritten Weg suchte auch schon mal die alte Sowjetunion, um ein Mittelding zwischen Plan- und Marktwirtschaft zu schaffen.

Im Fall der Politik scheiterte das Bemühen und die UdSSR zerfiel. Im Fall von Granatniy 6 geht die Idee jedoch auf. Das zeigt sich unter anderem an der großen Nachfrage nach den 27 Luxus-Appartments in dem Wohnkomplex in der Moskauer Innenstadt.

Die Ornamente an den Fassaden von Granatniy 6 gehen auf das alte Byzantinische Reich zurück. So kommt es, dass dem Betrachter von heute die Gestaltung zwar ungewohnt, aber dennoch vertraut ist: Im alten Russland lebten die Dekorationen in der Religion und in Kirchen weiter, und der Stil bekam sogar mit „Uzorochye“ einen eigenen Namen. Im westlichen Europa und woanders waren sie zeitweise in der Mode sehr beliebt.

Dass die floralen oder abstrakten Muster ausgerechnet bei Granatniy 6 eine Wiedergeburt erlebten, hängt mit dem Standort zusammen: Gegenüber der Wohnanlage befindet sich der Moskauer Architektenclub, den Andrei Konstantinovic Burov in den 1940ern baute. Auch Burov hatte sich eine Verbindung von alt und neu bemüht. So griff er bei dem Portal für den Club auf traditionelle Ornamente zurück.

Die neuen Muster für Granatniy 6 entwickelten die Architekten zusammen mit der Kunsthistorikerin Professor Orlova.

Gewissermaßen traditionell ist dabei auch die Materialwahl. Denn für die Außenhaut der Gebäude wählten die Architekten Naturstein, dies ausdrücklich, weil er nicht nur für Luxus sondern auch für Langlebigkeit steht. Es handelt sich außen um einen Jura Kalkstein. Der Sockel der Gebäude besteht aus dem schwarzen Granit Nero Impala.

Im Inneren wurde für Wände und Fensterbänke der Kalkstein Mocca Cream eingesetzt. Auf dem Boden ist der Granit Black Galaxy ausgelegt.

Weitere Materialien sind Glas, Stahl und Holz. Jedem sind eigene Ornamente zugeordnet.

Von Gebäude zu Gebäude variieren die Muster leicht, ohne dass dies ins Auge springen würde.

Überhaupt hielten die Architekten sich beim Einsatz der Ornamente zurück. Sie wollten keine „schreienden Fassaden“ nach Art des Barocks, schreiben sie in einer Mail auf unsere Frage.

Und wie steht es um das Sauberhalten einer solchen Fassade? „Mit Staub, der sich auf dem Relief ablagert, gewinnt die Fassade nur und wird noch eindrucksvoller“, lautete die Antwort.

Im Untergeschoss der Gebäude mit jeweils 4, 6 beziehungsweise 9 Geschossen befinden sich 82 Parkplätze sowie die technischen Einrichtungen. Das Erdgeschoss beherbergt gemeinschaftliche Räume, etwa den Empfang oder Aufenthaltsräume für Fahrer.

Das Büro Speech Tchoban/Kuznetsov wurde 2006 von den Architekten Sergey Tchoban und Sergey Kuznetsov gegründet. Derzeit zählt es rund 100 Mitarbeiter, die an Projekten in den Staaten der früheren UdSSR arbeiten. Im Jahr 2010 und 2012 gestalteten sie die russische Präsentation auf der Architekturbiennale in Venedig.

Speech Tchoban/Kuznetsov

Video russischer Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig 2012

Fotos: Speech Tchoban/Kuznetsov

See also: Mit Ornamenten für Fassaden ist seit einigen Jahren auch die spanische Firma Bateig am Markt.