Architektur: wie ein Operndrache aus Marmor

(November 2012) Wir wagen die Behauptung, dass es nirgendwo sonst auf der Welt solch eine Treppe gibt: Im neuen St. James Theatre in London verbindet ein sensationelles Kunstwerk aus Carrara-Marmor das Erdgeschoss mit dem Restaurant im 1. Stock.

25 Tonnen weißer und bläulicher Stein aus der Gegend um Carrara hat der Designer Mark Humphrey zu der Konstruktion mit dem Titel „Final encore“ (Letzte Zugabe) zusammengefügt. Inspiriert habe ihn das Heraustreten der Schauspieler vor den Vorhang zum Applaus: so wie sie sich an den Händen halten, so sind bei der Treppe Scheiben aus Marmor im Wechsel der Farben nebeneinander gesetzt.

Die weißen Teile tragen die Last auf den Untergrund ab, die bläulichen sind mit Kleber und Metallverbindungen dazwischengehängt.

Nicht nur die Pracht des Materials ist überwältigend.

Die Form selbst ist im Wortsinn ungeheuerlich: sie hat etwas Animalisches, erinnert ein wenig an einen Drachen.

Hier allerdings ist das Untier gezähmt: Der Theatergast kann es durchschreiten und die Hand über den Stein laufen lassen.

Nun ja, wir fantasieren. Dabei ist der Grund für dieses einmalige Kunstwerk ganz profan: Das Theater muss ganz ohne Subventionen auskommen, und da reicht bloß eine große Besucherzahl für die Finanzierung nicht aus. „Jeder Teil des Gebäudes … muss zum Erfolg beitragen“, heißt es ungeschminkt in einer Presseerklärung.

Bis 2002 stand an der Adresse 12 Palace Street in Londons Bezirk Victoria das Westminster Theatre. Als Standort für eine Bühne war die Gegend nie populär – Entertainment findet in London traditionell im West End statt.

Nun aber sehen Stimmen Victoria schon als Schauplatz einer Off-Szene, die von kleinen Bühnen geprägt sein würde. Das Vorbild ist die Off-Broadway-Szene in New York City.

Das St. James Theatre hätte dafür genau die richtige Größe.

In seinem großen Saal bietet es 300 Plätze.

Zusätzlich gibt es ein Studio mit 100 Plätzen, das sich ein Profil mit regelmäßigen Terminen für Jazz, Comedy oder Cabaret erarbeiten soll.

Zu dem Gesamtkunstwerk dieses Theaterkonzepts schließlich gehört ein Cafe, das ganztags offen ist, und ebenso das Restaurant. Die Räumlichkeiten können von Firmen und Privatleuten für Events gemietet werden.

Gewissermaßen als Draufgabe bei solch einer Veranstaltung würden sie die Treppe als Attraktion dazubekommen. Mark Humphrey, der sich selbst als „Künstler des Designs“ bezeichnet, wünscht sich in einem Video, dass die Gäste das Kunstwerk benutzen, drum herum gehen, Handy-Photos machen und das Material berühren: „Wenn das geschieht, dann war meine Arbeit gut.“

10 Marmor-Rohblocks mit insgesamt über 200 t Material wurden in den Bergen von Pietrasanta für „Final encore“ gebrochen. 15 Steinmetze leisteten zusammen 4000 Stunden Arbeit. Die Firma Porcelli Marmi führte die Arbeiten aus. Mark Humphrey nennt in dem Video die Gründe für seine Wahl der Firma, die nicht mal eine Webpage hat: Er hätte nur „mit den allerbesten Steinmetzen arbeiten“ gewollt.

Für die Außenfassade kam Portland Kalkstein zum Einsatz. Weitere Sorten im Inneren sind Nova Blue Kalkstein und der Sandstein Pietra Serena.

Die Architektur für das Theater kam von Foster Wilson Architects. Die Fassade und das Apartmenthaus darüber entwarfen Loates-Taylor Shannon Architects.

Als Gesamtkosten für den Neubau werden 7 Millionen britische Pfund genannt.

St. James Theatre

Mark Humphrey

Video

Foster Wilson Architects

Loates-Taylor Shannon Architects

Fotos: Magnus Arrevad

Fotos: Tom Cronin