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Architektur: eine Steinwand rollt vors Fenster

(Januar 2013) Preisfrage: Was ist der Unterschied zwischen dem Bild oben und dem folgenden:

Richtig: einmal hat diese Fassade ein Fenster und dann wieder nicht.

Das heißt, wir wissen es aus Erfahrung, dass da etwas vor das Fenster gerückt wurde, eine Art von Schiebetür, wenn man so will – allerdings eine Schiebetür, die sich 4 m in die Höhe reckt und 3 m in der Länge misst, dazu 35 cm dick und komplett in Stein ausgeführt ist.

Noch eine Zahl? – Nun ja, sie wiegt ungefähr 2 t.

Erdacht und entwickelt wurde sie von dem Architektenbüro Baynes & Co für das Wohnhaus mit dem Namen Wickstead Lodge in der englischen Grafschaft Warwickshire.

Die Geschichte dazu ist folgende: Ursprünglich stand auf dem Gelände ein unscheinbares Häuschen, das als Zugang zu einem nebenan liegenden Hauptgebäude diente. Der neue Eigentümer wollte es ausbauen lassen, aber die Behörden machten Vorgaben: der für die spätere Stein-Schiebetür wichtige Passus besagte, dass die Fenster nicht größer als beim Vorgängerbau sein durften.

Also gibt es auf der Gartenseite Glasscheiben, deren Größe und Teilung sich am Vorgängerbau orientiert.

Jedoch: das Fenster zur Straßenseite ist riesengroß, das zumindest, wenn die Steinwand weggeschoben ist. Adrian Baynes gab auf unser Nachfragen eine diplomatische Erklärung, wieso die Behörden das akzeptierten: „Im Bauantrag wurde die Steinwand in Position vor dem Fenster gezeigt, und wir haben nicht allzu deutlich herausgestellt, dass sie motorisiert war.“

In Gang gesetzt wird sie von einem speziell konstruierten Motor. Der treibt 3 Rollenpaare an, die in Schienen laufen. Natürlich verlangte das Gewicht der Mauer auch spezielle Fundamente für die Schienen.

Besonders bemerkenswert ist, dass die Mauer ohne Führung am oberen Ende frei steht und fährt. Beinahe frei, genau gesagt.

Denn es gibt eine unauffällige Führung am Graben, durch den die Mauer fährt.

Bemerkenswert ist auch, dass die Steine nur locker geschichtet erscheinen.

In Wirklichkeit sitzen sie in einem Stahlrahmen mit Gefachen. Die einzelnen Brocken sind mit Harz miteinander verklebt.

Von außen ist der Rahmen kaum zu erkennen. Die lockere Schichtung lässt tagsüber Licht von außen in das Wohnzimmer fallen.

Nachts schafft sie eine ganz ungewöhnliche Wirkung zur Straße hin, …

… die bei künstlicher Beleuchtung auch wieder ganz anders sein kann.

Bei dem Stein handelt es sich um Cotswold Kalkstein. Er stammt aus der Gegend. Passend zum ihm trägt die übrige Fassade eine Verkleidung aus gelblichem Backstein. Die Steinarbeiten führte die Firma Boden & Ward aus.

Einige der weiteren architektonischen Besonderheiten wollen wir nur noch erwähnen: der Eingangstrakt zu dem Neubau greift die Form des Vorgängerbaus auf. Das Erdgeschoss ist ins Gelände eingesetzt, damit die ursprüngliche Gebäudehöhe eingehalten werden konnte.

Baynes & Co

Boden & Ward

Fotos: Baynes & Co