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Steinteppich mit Verunsicherungs-Effekt für Autos und Radfahrer

Exhibition Road, London.

(Juni 2013) Aus der Vogelperspektive zeigt der Straßenbelag das Bild eines geometrischen Teppichmusters. Es gibt der Exhibition Road, Londons berühmtester Meile für Wissensdurst und Kunst, ein unverkennbares Gesicht und fasst sie über ihre gesamte Länge zu einer Einheit zusammen.

Spaziert man ausgehend vom Hyde Park vorbei an den Museen für Science beziehungsweise Natural History bis zum Victoria and Albert Museum oder noch weiter, ist man unweigerlich verblüfft: man betritt eine Zone für die Menschen, nicht nur eine Ader für den Verkehr. Die Straße sei geprägt von „Großzügigkeit und Ruhe“, schrieb die Zeitung The Guardian treffend.

Mit Großzügigkeit meinte der Architekturkritiker dabei nicht die Pracht der Fassaden, sondern die Offenheit des Straßenraumes: es gibt keine streng getrennten Fahrbahnen; alles was hier verkehrt, läuft irgendwie mit- und nebeneinander. So zumindest die „gefühlte“ Exhibition Road.

Das Konzept des Architekturbüros Dixon Jones wurde vielfach prämiert und bekam im letzten Jahr einen der Preise der Stone Federation Great Britain. Verwendet für das Straßenpflaster wurden Scoutmoor Yorkstone und vier Sorten chinesischer Granit. Naturstein als Material wurde gewählt, um ein Höchstmaß an Langlebigkeit des Straßenbelags zu erreichen, und natürlich auch als Anklang an die Noblesse des feinen Londoner Viertels.

„Shared Space“ (Geteilter Raum) lautet das Schlagwort der Neugestaltung. Es geht auf den niederländischen Ingenieur für Verkehrswesen Hans Monderman zurück: der behauptete, dass die Trennung der Spuren für Autos, Fahrräder oder Fußgänger keineswegs zu einem Mehr an Sicherheit im Verkehr führen würde. Im Gegenteil.

Die Architekten von Dixon Jones räumten also die Exhibition Road zunächst leer von den üblichen trennenden Elementen, etwa Bordsteinkanten oder Schildern.

Statt dessen legten sie ein Teppichmuster über das nun einheitliche Niveau der ganzen Straßenbreite.

Statt dessen legten sie ein Teppichmuster über das nun einheitliche Niveau der ganzen Straßenbreite. Die diagonalen Linien des Musters kreuzen alle paar Meter die Blickrichtung der Verkehrsteilnehmer – je schneller jemand fährt, umso deutlicher erlebt er diese optischen Störungen. Verunsicherung heißt das Ziel, praktisch gesprochen: Verlangsamung und erhöhte Aufmerksamkeit.

Das Vermeiden dominanter Linien gilt sogar für die Diagonalen selbst: sie durchschneiden nicht einfach einander, sondern sind so gepflastert, dass sie scheinbar ineinander übergehen.

Das Vermeiden dominanter Linien gilt sogar für die Diagonalen selbst: sie durchschneiden nicht einfach einander, sondern sind so gepflastert, dass sie scheinbar ineinander übergehen. Das ist einer der Gründe für die extremen Kosten von 29,2 Millionen britischen Pfund (34,6 Millionen €, 44,5 Millionen US-$) für das Gesamtprojekt, wie sie der Stadtbezirk Kensington and Chelsea auf seiner Webpage nennt.

Kosten kamen auch dadurch zustande, dass das Teppichmuster aufwändig entwickelt und zu Textzwecken auf den Asphalt aufgemalt wurde.

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Natürlich kommt auch das „Shared-Spaces“-Konzept nicht ohne Verkehrslenkung aus. So ist (in unserer Grafik von links nach rechts) die 4 m breite Bahn für die Fußgänger mit Hilfe der Drainage deutlich von der anschließenden „Übergangszone“ mit den Radfahrern getrennt.

Natürlich kommt auch das „Shared-Spaces“-Konzept nicht ohne Verkehrslenkung aus. So ist (in unserer Grafik von links nach rechts) die 4 m breite Bahn für die Fußgänger mit Hilfe der Drainage deutlich von der anschließenden „Übergangszone“ mit den Radfahrern getrennt. Wobei der Fußgänger den Regenwasserabfluss nicht nur sieht, sondern auch fühlt, da die Linie blindenfreundlich von Rillensteinen flankiert wird.

Die „Übergangszone“ ist 8 m breit und beherbergt Parkbuchten, Fahrradständer und einiges mehr. Darauf folgt eine Fahrbahn für jede Richtung des Autoverkehrs. Auf der anderen Seite am Fuß der Fassaden gibt es nochmal 4 m für die Fußgänger.

Einen zusätzlichen Akzent in der Mitte der Straße setzen die 20 m hohen Lichtmasten aus hellem Metall.

Einen zusätzlichen Akzent in der Mitte der Straße setzen die 20 m hohen Lichtmasten aus hellem Metall. Ihre Beleuchtungswirkung wurde extra für diesen Zweck entwickelt. Ihre Schlankheit kontrastiert mit den massigen Fassaden.

Etwa 20 Millionen Besucher spazieren pro Jahr durch die Exhibition Road, und auch weiterhin wird der Autoverkehr ein kontinuierlicher Fluss sein. Um diesen Belastungen dauerhaft zu widerstehen, sind die Pflastersteine auf ein Betonbett aufgesetzt und speziell an ihrem Platz verankert.

Die Arbeiten wurden 2012 rechtzeitig für die Olympischen Spiele fertig gestellt. Den Stein lieferte die Firma Marshalls Natural Stone. Ausgeführt wurden die Verlegearbeiten von G U Contracts.

Exhibition Road

Dixon Jones

Marshalls Natural Stone

GU Contracts

Fotos: Dixon Jones

(20.06.2013)