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Der „Adam“ aus Marmor ist restauriert und wieder im New Yorker Metropolitan Museum of Art zu sehen

Die Statik dieser Marmorfigur ist nun detailliert bekannt: Am stärksten belastet das Gewicht von rund einer halben Tonne die Fußknöchel und das rechte Knie. Deshalb wurden bei der spektakulären Restaurierung an diesen Stellen – und nur an diesen Stellen – Löcher in die Bruchstücke gebohrt und dort Dübel zur Verstärkung eingesetzt.

Die Kunstgeschichte stellt heraus, dass dieser Adam, obwohl doch Ebenbild Gottes und Kopie der antiken Kraftprotze, mit dem Äpfelchen in der Hand nicht in selbstsicherer Pose präsentiert wird, sondern etwas unsicher dasteht und sich an einem Ästchen festhalten muss.

Die Rede ist von Tullio Lombardos „Adam“, um 1490 geschaffen, ein Kunstwerk von unschätzbarem Wert im Metropolitan Museum of Art in New York. Die Figur war 2002 von ihrem Sockel gestürzt: ein Wärter fand am 20. Oktober jenes Jahres drei Stunden nach Kassenschluss rund um den Standort der Figur nur noch 28 große Bruchstücke, etliche hundert kleine Teile und viele Brösel, in die der Marmor beim Aufschlagen auf dem Boden zersplittert war. Der Sockel aus Sperrholz war eingeknickt.

Nach 12 Jahren Restaurierung wird die Geschichte dieser einmaligen Reparatur nun bis Juli 2015 in der Ausstellung „Tullio Lombardo’s Adam: A Masterpiece Restored“ (Tullio Lombardos Adam: ein Meisterstück wurde restauriert) erzählt.

Ganz neue Wege wurden in dem Projekt beschritten: einer war, die Figur und ihr Material zunächst minutiös zu analysieren. Dann benutzte man nur an den drei der statisch kritischen Stellen Dübel, um die Bruchstücke wieder zusammenzusetzen. Außerdem bestehen diese Dübel nicht aus Metall, sondern aus einem neuartigen Fiberglas.

Schließlich wurden die anderen Teile mit einem ebenfalls innovativen Klebstoff zusammengefügt. Für diesen Teil der Arbeiten entwickelten die Restauratoren ein besonderes Tragegerüst.

Schließlich wurden die anderen Teile mit einem ebenfalls innovativen Klebstoff zusammengefügt. Für diesen Teil der Arbeiten entwickelten die Restauratoren ein besonderes Tragegerüst.

Glück im Unglück war von Anfang an gewesen, dass der Kopf und der Korpus beim Aufschlagen nur Schrammen davongetragen hatten. Schlimm zugerichtet hingegen waren Arme und Beine.

Glück im Unglück war von Anfang an gewesen, dass der Kopf und der Korpus beim Aufschlagen nur Schrammen davongetragen hatten. Schlimm zugerichtet hingegen waren Arme und Beine.

Zuletzt wurden in einem ganzen Jahr Arbeit die Risse an der restaurierten Figur verschlossen. Heute sind sie nur noch für Eingeweihte zu erkennen.

Zuletzt wurden in einem ganzen Jahr Arbeit die Risse an der restaurierten Figur verschlossen. Heute sind sie nur noch für Eingeweihte zu erkennen.

In dem Projekt ging es nicht nur um Restaurierung, sondern um Grundlagenforschung zur Wiederherstellung von beschädigten Kunstwerken. Darauf weist die New York Times in einem Beitrag hin: alle Erfahrungen sollen öffentlich gemacht werden. Inzwischen sind sie unter anderem im Journal des Museums (Volume 49, 2014) detailliert aufbereitet. Ein Video auf der Webpage des Museums erläutert die Arbeiten auch für Laien verständlich.

Zu der Statue und dem Künstler selbst: Tullio Lombardo (ca 1455-1532) stammte aus einer berühmten norditalienischen Familie von Bildhauern und Architekten der Renaissance. Den Adam schuf er für das Grab des Andrea Vendramin, ehemals Doge von Venedig. Es handelt um eine monumentale Nacktfigur, geschaffen lang nach der Antike, aber wieder in deren Stil, und bewundert schon von späteren Meistern wie Michelangelo oder Canova.

Die Kunstgeschichte stellt heraus, dass dieser Adam, obwohl doch Ebenbild Gottes und Kopie der antiken Kraftprotze, mit dem Äpfelchen in der Hand nicht in selbstsicherer Pose präsentiert wird, sondern etwas unsicher dasteht und sich an einem Ästchen festhalten muss. Diese Anlehnung an den Baum des Wissens lässt in nicht nur ihn der Tat wacklig dastehen, sondern auch symbolisch schwanken. Denn: Wissen ist immer auch mit Zweifeln verbunden.

Wie schon die antiken Philosophen formuliert hatten: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Oder in der Ausdrucksweise moderner Wissenschaftler: Wir befinden uns stets auf dem neuesten Stand des Irrtums.

Das bringt uns zurück zur komplizierten Statik der Figur, die nun im Detail bekannt ist.

Tullio Lombardo’s Adam: A Masterpiece Restored, bis Juli 2015

Video

Fotos: The Metropolitan Museum of Art

Metropolitan Museum of Art, New York: Tullio Lombardos „Adam“.

(07.01.2015)