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Streit um den neuen Landschaftsplan für die Marmorberge: „gefährlich, heimtückisch, hinterlistig“

Die Weißen Berge in den Apuanischen Alpen: zerstörte Natur oder vom Menschen geformte Kulturlandschaft? Foto: Wikimedia Commons / Myrabella

Der Tonfall ist energisch geworden: Im Februar hieß es bei einer Versammlung betroffener Gemeinden: „der Landschaftsplan ist gefährlich, heimtückisch, hinterlistig in verschiedenen Teilen“.

Es geht um den neuen Piano Paesagistico, übersetzt etwa: Plan zur Entwicklung der Region und Landschaft. Solche Pläne gibt es überall in Italien, aber um den für den Distrikt Versilia ist ein heftiger Streit entbrannt. Versilia ist das Gebiet südlich von Carrara in den Apuanischen Alpen mit Ortschaften wie Stazzema, Seravezza oder Vagli in den Bergen und Pietrasanta schon am Meer.

Die Regionalregierung mit Sitz in Florenz sagt, sie wolle durch den Plan die Landschaft erhalten und schonend entwickeln, etwa für den Tourismus. Im Wesentlichen geht es beim Streit um den Parco delle Alpi Apuane, einen Naturpark hoch in den Bergen, auf dessen Gelände seit Generation Marmor abgebaut wird.

Die Vorschriften des Piano Paesaggistico würden die Steinbrüche dort abwürgen und in der Folge auch die Verarbeitungsbetriebe in den Tälern um die Existenz bringen, sagen die Gegner.

Einer ihrer Vorwürfe lautet, die Politiker wollten, statt das Land voranzubringen, bloß „ihre Ideologie“ in die Tat umsetzen. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Politiker im fernen Florenz die Bürger in den Bergen nicht wirklich an den Entscheidungen mitwirken ließen.

Im Kern dreht sich die Debatte darum, was natürliche Landschaft ist. Die Vertreter der Steinbranche argumentieren, dass es im strittigen Gebiet seit fast 2000 Jahren Marmorabbau gibt, und dass das Gebirge dort eine vom Menschen geschaffene Kulturlandschaft ist.

Wir fügen erläuternd ein: Allerorten auf der Welt gibt es solche Kulturlandschaften, die heute wie pure Natur aussehen. In Europa gibt es seit dem Niedergang des Kohlebergbaus und der Schwerindustrie vor 80 Jahren sogar so genannte Industrielandschaften: Parks auf ehemaligen Bergbaukippen, Trockenwiesen auf Eisenbahngelände usw.

Nur, und damit zurück nach Versilia: woanders war die Industrie gestorben, bevor man den Wert der vom Menschen gestalteten Landschaften entdeckte. In Versilia hingegen, so die Gegner, ist es erst der Piano Paesaggistico, der die Steinbranche um die Existenz bringen wird.

Verärgert sind die betroffenen Firmen besonders deshalb, weil sie mit ihren Eingaben in Florenz bisher abgeblitzt sind. So jedenfalls ist es in der Presse zu lesen. Einwände würden als „Privatsache“ vom Tisch gewischt, heißt es.

Zuletzt ist die Weltausstellung in Mailand als neuer Aspekt in die Diskussion eingebracht worden. Aus Anlass dieser Expo 2015 wirbt die gesamte Region Toskana mit ihrer Marmorbranche: es werden Besucher zu der diesjährigen Sonderausgabe der Messe in Carrara eingeladen; dort wird ihnen ausdrücklich auch der Besuch in den Steinbrüchen und bei den Verarbeitungsbetrieben empfohlen.

Es sei doch wohl „ein Widerspruch“, schütteln die Gegner des Piano Paesaggistico den Kopf, dass die Politiker in Florenz einerseits mit der Marmorbranche um Carrara und Massa Werbung machten und andererseits dieselbe Branche direkt nebenan in Versilia strangulierten.

Und, was sagt man in Carrara und Massa dazu? Dort hält man sich bedeckt und wirbt eifrig um Besucher zur Expo 2015. Der landesweite Branchenverband Confindustria Marmomacchine hat immerhin seine „große Besorgnis“ zum Ausdruck gebracht.

Kürzlich äußerte sich der Bürgermeister einer der betroffenen Gemeinden aufgebracht: „Wir läuten hier das letzte Glöcklein: Wenn die Regierung in Florenz uns nicht hört, werden wir dorthin gehen.“

Das Programm der Messe Marmotec in Carrara zur Expo 2015 ist ausführlich in den aktuellen Newslettern der IMM Carrara beschrieben (1, 2).

See also (italienisch)

 

 

 

 

(04.03.2015)