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Am Wiener Ring findet man alle wichtigen Naturwerksteine aus Europas Geschichte

Das k.u.k. Reichsratsgebäude (heute Parlament) an der Wiener Ringstraße um 1900, aufgenommen vom Burgtheater aus; rechts der Rathauspark. Quelle: Wikimedia Commons

Wien feiert in diesem Jahr den 150. Geburtstag seiner Ringstraße, kurz: des Rings. 1865 war diese kreisrunde Verkehrsschneise um die historische Innenstadt in Betrieb genommen worden. Seitdem zeigen die öffentlichen und privaten Prunkbauten dort, was die Donaumonarchie in ihrem Herrschaftsgebiet oder in den Nachbarländern an Naturstein hatte.

Zum Jubiläum hat das Naturhistorische Museum seine Sammlung von Bau-, Dekor- und Ziergesteinen überabeitet und stellt nun rund 350 Stücke daraus in einer neuen Präsentation aus. Es hat seinen Standort passenderweise am Ring.

Ehemals gab es vor den Festungsmauern von Wien und woanders das so genannte Glacis. Es war eine freie Fläche, die den Verteidigern freies Schussfeld auf die Angreifer bot. Die Anlage mitsamt den dicken Festungsmauern leistete etwa in den Belagerungen durch die türkische Armee gute Dienste, wurde dann aber von der Militärtechnik überholt.

Am 25. Dezember 1857 druckten die Wiener Zeitungen den kaiserlichen Beschluss zur Schleifung der mächtigen Mauern und kündeten einen Planungswettbewerb für einen Boulevard an.

Stattliche 57 m breit ist die beinahe kreisrundgeführte Strecke mit rund 4 km und den Baumreihen auf beiden Seiten.

Wer in der Stadt etwas auf sich hielt und das notwendige Kapital dazu mitbrachte, ließ sich ein Wohnhaus am Ring errichten. Es musste vom gesellschaftlichen Stand der Besitzer künden, also herrschaftlich sein, noch besser: Format und Dekor eines Palastes haben.

Der in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts in ganz Europa gepflegte Historismus erfuhr entlang der Wiener Ringstraße eine besondere Ausführung.

Eingestreut zwischen die Villen und Paläste sind städtische und staatliche Bauwerke im selben Stil: zum Beispiel die Staatsoper (ehemals k.u.k. Hofoperntheater), das Parlament oder das ehemalige Kriegsministerium.

Das Wiener Rathaus. Foto: Roman Klementschitz / Wikimedia Commons

Das Rathaus verdient besondere Beachtung auch in Sachen Naturstein, denn bei keinem anderen Bauwerk entlang der Ringstraße findet sich so viel von dem Material. Der Stil ist an ähnliche Gebäude aus Flamen angelehnt, etwa das Rathaus von Brüssel. Sieben Höfe liegen hinter der Fassade, die überaus reich mit Säulen, Balustraden und Figuren besetzt ist. Von 1872-1883 wurde es erbaut.

Eine Webpage der Stadt zur Geschichte des Bauwerks geht auf die verwendeten Natursteine ein: „Harter Stein (zum Beispiel Jurakalkstein von Trient, Brentaloolith aus Heidenheim, Untersberger Marmor et cetera) wurde für Säulen, Gesimse oder Kapitelle verwendet. Aus weicheren Materialien wie Oolith wurden Zierelemente und Figuren gefertigt. Im oberen Teil des Turms wurden Algenkalke (unter anderem aus Wöllersdorf, Mannersdorf und Oslip) sowie poröse Kalksandsteine aus St. Margarethen, Breitenbrunn und Zogelsdorf verarbeitet.“

Große Probleme macht den Restauratoren von heute der Savonnières Kalkstein, der das Material vieler Figuren an der Fassade ist. Über die Möglichkeiten der Erhaltung referierte auf der Bildungswoche des Steinzentrums Hallein im Januar 2015 die Diplom-Restauratorin Susanne Beseler von Plan B, Wien.

In diesem Zusammenhang wurde auch auf das Handbuch „Standards der Baudenkmalpflege“ verwiesen, das online zum kostenlosen Download bereitsteht.

Die Ausstellung des Naturhistorischen Museums zu Bau-, Dekor- und Ziergesteinen. Foto: Naturhistorisches Museum / Kurt Kracher

Schließlich: die modernisierte Sammlung für Bau-, Dekor- und Ziergesteine im Naturhistorischen Museum, ebenfalls in einem Prachtbau am Ring. Sie ist einer der größten derartigen Kollektionen in Europa. Jedoch befand sie sich vor der aktuellen Neugestaltung noch in dem Zustand von vor 125 Jahren, als Felix Karrer (1825-1903) sie gründete.

Sie besteht aus Gesteinsproben, die Karrer und seine Mitarbeiter sich beim Bau berühmter Gebäude und Monumente in Wien, im übrigen Österreich und woanders in Europa besorgten. Ein besonderes Augenmerk liegt auf dem Material antiker Bauwerke und Monumente.

Von den insgesamt circa 35.000 Stücken der Sammlung wird nun ungefähr jedes Hundertste gezeigt. Dafür wurden die historischen Ausstellungsvitrinen restauriert und mit moderner LED-Beleuchtung ausgestattet. „Besonderes Augenmerk wird auf didaktisch aufbereitete Informationen wie Texte und Bilder von repräsentativen Bauwerken gelegt“, heißt es in den Presseunterlagen des Museums.

Übrigens: ein paar Häuserblöcke stadtauswärts folgt auf den Pracht-Ring noch ein 2. kreisrund geführter Straßenzug, der so genannte Lastenring. Er diente den profanen Seiten des Alltags: von Anfang an war es seine Aufgabe, den Gütertransport zu übernehmen, der auf dem Boulevard verboten war und ist.

Naturhistorisches Museum (NHM), Wien

Naturstein am Wiener Rathaus

Handbuch „Standards der Baudenkmalpflege“
http://www.bda.at

Sehenswert ist auch das ehemalige Gebäude der Österreichischen Postsparkasse, jetzt Museum.

Granit aus Pregarten (Oberösterreich) verwendet als Dekorstein in Salzburg, 1886 katalogisiert. Foto: Naturhistorisches MuseumKalksinter aus Villa Palombara (Italien) verwendet für Caesar-Büsten in den Kapitolinischen Museen, 1889 katalogisiert.  Foto: Naturhistorisches MuseumDie Ausstellung des Naturhistorischen Museums zu Bau-, Dekor- und Ziergesteinen. Foto: Naturhistorisches Museum / Kurt Kracher

(18.06.2015)