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Das Deutsche Archäologische Institut erforscht die Hauptstadt von Dschingis Khans Weltreich

Die Schildkröte mit ihrem langen Leben galt als Symbol der Stadt Karakorum. Foto: Wittersheim / DAI

Karakorum war einst die pulsierende und internationale Metropole im Herrschaftsgebiet der mongolischen Khane

An wilde Gestalten auf kleinen schnellen Pferden, an gewalttätige Horden und grausame Herrscher denkt man, wenn die Rede auf die Nomadenvölker aus Asien kommt. Das Deutsche Archäologische Institut (DAI) schaut jedoch bei seinen Grabungen in der Steppe der heutigen Mongolei genauer hin, und hat in der am Reißbrett geplanten alte Hauptstadt namens Karakorum Beweise für eine ausgefeilte Verwaltung, ein hohes Bildungsniveau und eine modern anmutende Religions- und Sprachenpolitik im Land gefunden.

Bereits ausgegraben sind drei große Schildkröten aus Stein, die als Symbol der Hauptstadt galten. Sie tragen zahlreiche Inschriften.

„Karakorum war eine geplante Stadt, 1220 n. Chr. wurde sie von Dschingis Khan gegründet“, sagt Christina Franken. „Unter seinem Sohn Ögedei Khan wurde sie zur internationalen Metropole.“ Christina Franken ist Leiterin der Forschungsstelle Ulaanbaatar des Deutschen Archäologischen Instituts, das die Hauptstadt der mongolischen Khane erforscht. Der Bau der Stadt mitten in der Steppe dauerte bis 1256. „In dieser Zeit verwandelte sich die mongolische Herrschaft von einem labilen kriegerischen Gebilde in einen geordneten, stabilen Staat“, stellt Franken klar.

Das Wesen der Gesellschaftsordnung im späteren Karakorum und in den eroberten Ländern war eher ein buchhalterisch-kommerzielles als ein kriegerisches: Der Staat kümmerte sich um Steuern, Zölle und Bewässerungsgräben, ebenso um die Sicherheit seiner Straßen, Handelswege und Untertanen. Reichsumfassend war ein Verwaltungsnetzwerk organisiert, das seinesgleichen suchte.

Alle Fäden dieses Netzwerks liefen in Karakorum zusammen. Strategisch lag die Metropole unweit der wichtigen Transkontinentalrouten, der Seidenstraßen, über die andauernd mit den Waren auch Botschaften, Ideen oder Innovationen hin- und herwanderten.

Der Bauplan Karakorums ist ein Spiegelbild des Mongolen-Imperiums, das zu seiner Blüte das größte zusammenhängende Reich der Erde darstellte.

Der zentrale Palastbezirk entsprach als Mittelpunkt der Residenz dem chinesischen Vorbild, um den sich die einzelnen Quartiere gruppierten.

Nicht nur die Stadtplanung folgte dem chinesischen Vorbild: Pragmatisch wurde der effiziente chinesische Verwaltungsapparat übernommen und den neuen Anforderungen angepasst. Im Reich des Khan konnte Jedermann unabhängig von seiner Volks- und Religionszugehörigkeit Karriere machen: Marco Polo zum Beispiel wurde unter Kublai Khan Beamter.

Der Khan erließ eine allgemein verbindliche Verfassung und bekämpfte Beamtenwillkür und Korruption unter Androhung drakonischer Strafen.

Im Gegensatz zum chinesischen Reich wurde hier aber keine einheitliche Staats- und Kanzleischrift und -sprache eingeführt. Vielmehr wurden alle Dokumente in sämtliche Verwaltungssprachen des Reiches übersetzt, die die Bürger weiter wie gewohnt sprachen und schrieben.

Religion war Privatsache. Ausschlaggebend war die Loyalität gegenüber dem Khan und gegenüber der von ihm erlassenen Verfassung.

Die „Große Halle“ gehörte einst zu den größten Gebäuden der Stadt Karakorum. Foto: Franken /DAI

Ein herausragendes Bauwerk in Karakorum war „Die Große Halle“, die seit 1998 von DAI-Archäologen ausgegraben und erforscht wird. „Das Gebäude war ein buddhistischer Tempel aus dem 13. Jahrhundert“ sagt Franken. „Mit 38 mal 38 Metern Grundfläche gehörte er zu den größten Gebäuden der Stadt.“ Das Innere wurde durch 64 Holzsäulen auf Granitbasen und durch Wände gegliedert, heißt es in der Zeitschrift „Archäologie weltweit“ (2/2014) des DAI.

Die Geschichte Karakorums war kurz und rasant: Rasch verlor es seine Funktion als Hauptstadt, blieb aber noch eine Weile das ideologische und geistige Zentrum des Mongolischen Reiches. Der Enkel Dschingis Khans, Kublai Khan hatte nach der Eroberung Chinas die Yuan-Dynastie gegründet und damit seine Regierung und Zentralverwaltung in die Nähe des heutigen Beijing, nach Khan-baliq verlagert. Nach dem Sturz der Yuan 1368 eroberten und zerstörten die Chinesen 1388 Karakorum vollständig. Die Erinnerung blieb jedoch so fest im Gedächtnis der Mongolen verankert, dass sie 1415 den Wiederaufbau wagten.

Im späten 16. Jahrhundert fiel der Vorhang endgültig: Karakorum zerfiel vollständig und wurde zum Steinbruch für das auf gleichem Gelände 1586 gebaute Kloster Erdene Zuu.
Hinweis: in Asien gibt es auch ein Gebirge namens Karakorum, das einen Teil des Himalayasystems darstellt und unter anderem den K2 als zweithöchsten Berg der Erde beherbergt.

Die Hauptstadt der heutigen Mongolei ist Ulan Bator (Ulaanbaatar). Das Land zwischen Russland im Norden und China im Süden hat eine gut 4-mal so große Fläche wie die Bundesrepublik Deutschland, aber nur knapp 3 Millionen Einwohner.

Archäologie weltweit (2/2014)

DAI-Forschungsstelle Ulaanbaatar

Quelle: DAI

Grabung auf dem Gelände des ehemaligen Karakorum. Foto: Wittersheim / DAI

(10.11.2015)