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Die „Große Wappenkartusche“ wurde an der Fassade am Berliner Schloss-Humboldtforum angebracht

Eines der insgeamt 16 Einzelteile der „Großen Wappenkartusche“ schwebt ein. Foto: Kerstin Ischen

Die Sandstein-Skulptur mit circa 88 t Gewicht ist ein Scharnier zwischen unterschiedlichen Bauteilen und trägt eine Botschaft des Königs

Am Ende hatte die Flex noch einen kurzen Auftritt, als die „Große Wappenkartusche“ an der Fassade des neu entstehenden Berliner Schloss-Humboldtforums angebracht wurde. Die mächtige Sandsteinskulptur mit auskragenden Formen ragte an einer Stelle in das Gerüst hinein. Für solche Fälle war sogar ein Gerüstbauer anwesend.

Am Ende aber fügte sich das Stück wie vorgesehen millimetergenau in die anderen Teile der Gesamtskulptur ein.

Das Einsetzen gelang millimetergenau. Foto: Kerstin Ischen

Das Kunstwerk trägt in seiner Gestaltung zentrale Aussagen des Barock, und sein Standort an einer Ecke der Fassade erzählt auch etwas über die beiden damals am Schlossbau beteiligten Architekten Andreas Schlüter (~1660-1714) und Johann Friedrich Eosander von Göthe (1669-1728).

Gehen wir den Weg der Wappenkartusche rückwärts, und beginnen wir mit dem Einsetzen am heutigen 28. April 2016. Diese Arbeiten hatte das Bamberger Natursteinwerk Hermann Grasser übernommen.

Insgesamt 16 Einzelteile selbst waren zuvor von der Firma Schubert Steinmetz- und Steinbildhauer, Dresden gefertigt worden. Das erledigten CNC-Maschinen, die anhand des Scans eines 1:1-Modells die Formen in Rohblöcke des Reinhardsdorfer Sandsteins einfrästen.

Links: die Kartusche wird in Ton modelliert. Rechts: fertiger Gipsabguss. Fotos: Andreas Artur Hoferick

Das Modell hatte der Berliner Steinbildhauermeister Andreas Artur Hoferick in 2-jähriger Arbeit erstellt. Genauer: es handelte sich um mehrere Modelle, dann die Rekonstruktion erfolgte über die üblichen Schritte eines kleinen Bozetto, auf den ein Modell aus Ton folgte, das wiederum in Einzelteilen abgegossen wurde, aus denen dann die Gipsmodelle in Originalgröße entstanden.

Eines der erhalten gebliebenen Fotos der Kartusche, um 1893. Fotograf: unbekannt.

Geht man noch weiter zurück, war eigentlich nichts mehr da: Originalteile gab es keine, so dass Hoferick die Rekonstruktion nur anhand von Fotos beginnen konnte. Das geschah unter den wachsamen Augen von Kunsthistorikern.

Denn: etwa 7 m ist das neue Gesamtkunstwerk hoch, ebenso 7 m breit und erreicht eine Plastizität von bis zu 2,40 m Tiefe, so dass auch vom Boden aus Unstimmigkeiten zu erkennen gewesen wären.

Unser Foto zeigt Andreas Artur Hoferick (3.v.l.) mit einigen seiner Mitarbeiter am Rande der Baustelle. 4.v.l. ist Meister Jürgen Klimes, der zu DDR-Zeiten viele Ost-Berliner Steinmetze in barocker Bildhauerei ausbildete. Foto: Peter Becker

Unser Foto zeigt Andreas Artur Hoferick (3.v.l.) mit einigen seiner Mitarbeiter. 4.v.l. ist Meister Jürgen Klimes, der zu DDR-Zeiten viele Ost-Berliner Steinmetze in barocker Bildhauerei ausbildete. Auch Hoferick stammt aus seiner Schule.

Das neue Stück mit einem Gesamtgewicht von circa 80 t befindet sich nun in fast 30 m Höhe an jener Fassadenseite, die zum Lustgarten, zum Dom und zur Straße Unter den Linden zeigt.

Die Lustgartenfassade. Rendering: Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum / Architekt: Franco Stella mit FS HUF PG

Architektonisch hat die Wappenkartusche die Funktion eines Scharniers, wie man auf der Grafik erkennen kann: der linke Teil der Fassade setzt sich deutlich vom rechten Teil ab. An dieser Trennlinie sitzt die Kartusche. Beim linken Teil handelt es sich gewissermaßen um den Altbau, den Andreas Schlüter fertiggestellt hatte. Sein Nachfolger Eosander von Göthe fügte rechts einen Neubau an, der das Gebäude praktisch verdoppelte.

Achtung: Diese Verdopplung spiegelt sich nicht wirklich in der Fassade wieder. Die Grenze zwischen Alt- und Erweiterungsbau verläuft nämlich nicht an der Wappenkartusche, sondern durch das mittlere Portal.

Will heißen: um die Einheitlichkeit der Fassade zu bewahren, behielt Eosander von Göthe an einem Teil der Außenwand die Gestaltung seines Vorgängers bei.

Jedoch: er wollte ihm wohl nicht die ganze Lustgartenfassade abtreten, also gab er dem Teil ganz rechts die eigene Handschrift, erfand eine Gebäudeecke (Risalit) als Trennung nach links und setzte dorthin die „Große Wappenkartusche“ als Scharnier zwischen beiden Teilen.

Wobei die Kartusche – natürlich, denn es ist wie im Film – auch eine Botschaft trägt. Diese Aussage ist bombastisch, wie es der Zeit entsprach: 3 Gestalten von Kinderengeln (Putti) helfen 2 Ruhmeskündern (Famen), die Insignien des Preußenkönigs Friedrich I. an der Fassade zu befestigen. Es handelt sich um die Buchstaben „F“ und „R“ (Fridericus Rex), die in einem Medaillon kunstvoll miteinander verschränkt sind.

Modern könnte man sagen: indem gerade Engel Friedrich helfen, sein Logo an die Wand zu bringen, erhoben sie ihn in den Rang eines von Gott Auserwählten, eben eines Königs.

88 Tonnen Sandstein sind eigentlich nicht zu viel, um solch eine schwergewichtige Aussage wirkungsvoll unters Volk zu bringen.

Die gesamte Wappenkartusche inklusive Modellarbeiten und Steinausführung wurde in 4 Jahren hergestellt.

Berliner Schloss-Humboldtforum

Steinrestaurierung und Steinbildhauerei Andreas Artur Hoferick

Webcam Schloss-Humboldtforum

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(28.04.2016)