www.stone-ideas.com

Wofür Naturstein schon benutzt wurde: Säulenheilige führten in luftiger Höhe die Versenkung in den Glauben vor

Darstellung eines Säulenheiligen, um 1465. Quelle: Wikimedia Commons

Über Jahrhunderte gab es vor allem in der Levante Einsiedler, die auf einem schmalen Steinturm mit Plattform den Kontakt zu Gott suchten

„Jetzt brüllt er wieder wie ein Löwe“, sollen Zeitgenossen über Simeon Stylites (hier: den Älteren) gesagt haben, wenn er, wohl nahe am Irrsinn, Zwiegespräch mit Gott hielt. Der berühmte Säulenheilige lebte von circa 390 n. Chr. bis 459 n. Chr. in der Wüste des heutigen Syrien, zunächst in einer einsamen Hütte, später auf einem Türmchen aus Marmor, das wohl die Fans für ihn errichtet hatten.

Um es gleich zu sagen: es gab eine kleine Plattform dort oben, aber weder Schutz vor Sonne, Nässe und Kälte.

Dabei spielte die Säule eine doppelte Rolle: zum einen brachte sie den Asketen näher zum Himmel, zum anderen hob sie ihn aus der Masse der einfachen Gläubigen heraus.

Zum Ende der Antike gab es einen regelrechten Boom unter den Säulenheiligen, und allerorts pilgerten die Gläubigen und manchmal sogar die Regierenden zu ihnen. Der Asket gab dann aus der Höhe Ratschläge, und über allerlei Details kann man nur spekulieren: etwa wie es sich abspielt haben mag, als Kaiser Theodosius II und die Kaiserin Simeon Stylites Fragen stellten.

Details über die Art der Säulen sind nicht überliefert, außer dass sie auf allen zeitgenössischen Bildern als Gebilde aus Marmor dargestellt sind.

Über die Geschichte der Askese weiß man mehr. Anfangs lebten Einsiedler in abgelegenen Hütten oder Höhlen, später wohl auch am Rand von Klöstern. Simeon Stylites jedenfalls war von den eigenen Mönchen verjagt worden, als denen seine Selbstkasteiungen nicht mehr geheuer waren.

Manche Asketen ließen sich in engsten Räumen einmauern, so dass sie sich nicht setzen oder hinlegen konnten. Sie ließen sich nur einmal pro Woche Nahrung reichen und verbrachten die Zeit mit Beten, Gotteslob und Meditation.

Vorbilder waren die Märtyrer des frühen Christentums. So wie diese die Qualen der Verfolgung auf sich genommen hatten, so fügten sich die Säulenheiligen selber Kasteiungen zu. Damit würden sie den Körper, also alles Irdische, überwinden, so die Idee.

Steinplatte aus dem 6. Jahrhundert n. Chr. mit einer Darstellung von Simeon Stylites, im Louvre. Die Schlange symbolisiert die dämonischen Versuchungen, die Muschel die Weisheit. Quelle: Wikimedia Commons

Folglich galt auch Simeon Stylites den Zeitgenossen nicht mehr als Mensch. Wiederum kannte man solche Wesen aus den gängigen Weltbildern: die Griechen mussten sich in einem Panoptikum aus Halbgöttern zurechtfinden, die Juden sahen die Propheten als Gottgesandte, und die Römer pflegten einen Totenkult, bei dem die Verstorbenen unter den Lebenden weilten und man sich zu bestimmten Festtagen am Grab traf.

Immerhin: die Säulenheiligen taten Wunder, schlichteten Streit und sprachen Recht, wie der Althistoriker Professor Dahlheim vor einiger Zeit bei einem Vortrag an der TU Berlin ausführte.

Aber mit dem Ende des Römischen Reiches ging auch ihre Kultur unter. Warum, ist nicht bekannt. Vielleicht, dass fortan die christliche Religion weniger exzessiv betrieben wurde.

Vielleicht spielte auch das Klima eine Rolle: auf die Warmzeit, während derer Rom aufgeblüht war, folgte eine kalte Epoche. Sie löste die Völkerwanderung aus dem Osten aus.

Vielleicht, dass nun trotz der Nähe zu den himmlischen Sphären niemand mehr einen Winter unbekleidet auf einer Säule überlebte.

(27.12.2017)