www.stone-ideas.com

Am Tor zur Hölle: von Zerberus, dem Höllenhund, seinem giftigen Atem und dem Spiel der Priester im Plutotempel in Hierapolis

Das Tor zur Hölle in einer modernen Darstellung (zwischen 1824 und 1829) von Ludwig Mack (Ausschnitt): rechts der Fährmann Charon am Ufer des Totenflusses Styx, neben ihm der dreiköpfige Höllenhund Zerberus, rechts weinende Schatten, die auf das Totengericht warten. Quelle Wikimedia Commons

Ein internationales Team von Wissenschaftlern hat geogenes Kohlendioxid als die Erklärung für einen berühmten Mythos der Antike ausfindig gemacht

An der Schwelle zur Unterwelt ist‘s gefährlich. Das weiß auch Professor Hardy Pfanz. Der Vulkanbiologe der Universität Duisburg-Essen (UDE) erforscht seit Jahren das Tor zur Hölle. Diese Tempelgrotten waren schon in der Antike Kult: Denn während die Tiere bei den Opferritualen tot umfielen, blieben die Priester unversehrt.

Waren es übernatürliche Kräfte? Mitnichten, konnte Pfanz mit türkischen und italienischen Kollegen am Heiligtum von Hierapolis unweit von Pamukkale in der Türkei nachweisen. Es liegt am Kohlendioxid, das dort nachts und früh morgens besonders stark vorherrscht.

Der magische Ort zog schon vor über 2.000 Jahren Pilger an. Antike Geschichtsschreiber wie Strabon, Cassius Dio oder Plinius berichteten vom Tor zur Hölle und den Zeremonien dort: Im Vorhof des Pluto-Tempels, einer unterirdischen Grotte, sammelte sich ein unsichtbarer, giftiger Dunst, der Tiere sofort tötete und den Priestern nichts anhatte.

Es muss der tödliche Atem des Höllenhunds Zerberus sein, der für den Gott Pluto den Eingang zur Unterwelt bewacht – davon waren die Menschen damals überzeugt. Sie konnten von ihren höher gelegenen Sitzreihen über der Arena das mystische Spektakel ungefährdet beobachten. „Gleichzeitig waren sie beeindruckt von der übernatürlichen Kraft der Priester. Man kann sich gut vorstellen, wie Religion entsteht“, sagt Hardy Pfanz.

Der Professor, der den weltweit einzigen Lehrstuhl für Vulkan-Biologie hat, weiß durch seine weltweiten Studien an CO2-Gas-Seen, was es mit dem ‚Todeshauch’ auf sich hat: „Hierapolis liegt wie viele andere Heiligtümer und Orakelstätten über tektonischen Störungen; viele Pluto-Tempel sind über Grotten errichtet – auch die beiden Heiligtümer in Hierapolis. In diese Grotten strömt geogenes Kohlendioxid; dabei bildet sich je nach Uhrzeit, ein bis zu anderthalb Meter hoher, unsichtbarer Gas-See, der tödlich ist. Wir haben nachgewiesen, dass die CO2-Konzentration in den Höhlen zeitweise extrem hoch war, nämlich zwischen 60 und 80 Prozent. Da erstickt man sofort; schon bei fünf bis acht Prozent wird einem schwindelig.“

Bei ihren umfangreichen Messungen fand das Team außerdem heraus: Es hängt vom Tageslicht ab, wie konzentriert der Gas-See ist. „Früh morgens ist die Konzentration stark und wird dann durch die Infrarotstrahlen der Sonne zerstört; geht die Sonne unter, steigt das Kohlendioxid wieder. Weil CO2 schwerer ist als Luft, sind die Werte am Boden besonders hoch.“

Die Priester waren clever, findet Pfanz. „Sie wussten, wann der tödliche Atem des Zerberus wirkte und bis zu welcher Höhe ein Aufenthalt völlig ungefährlich war. Morgens waren das etwa 40 cm über dem Boden. Wollten sie ihre übernatürlichen Kräfte demonstrierten, stellten sie sich auf Steine um die Opfertiere. Diese standen jedoch mitten im CO2-Dunst, ihnen wurde schwindelig, die Köpfe sanken zu Boden, wo sie die tödliche Dosis einatmeten. Die Priester hingegen konnten auf ihrer Position etwa 20 bis 40 Minuten aushalten.“

Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „Archaeological and Anthropological Sciences“ veröffentlicht. DOI: 10.1007/s12520-018-0599-5

Quelle: Universität Duisburg-Essen

(04.04.2018)