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Vom „Parlier“, „Schaffner“, der „Fabrik“ sowie der „Stein-Logia“ und der Stein-„Hütte“

Detail der Westfassade am Straßburger Münster. Foto: Wikimedia Commons

Dietmar Wolf beschreibt die Welt des Steinhandwerks während des Baubooms von 1000 bis 1500, als die Kathedralen entstanden

Um das Bauhandwerk im Mittelalter geht es in dem Buch „Von Steinmetzen, Zimmerern und Schmieden“. In wissenschaftlichen Texten wird unter anderem dargelegt, wie dieses Gewerbe entstanden war, wie die Handwerker Gewölbe errichtet oder wie sich die Mauerwerkstechnik entwickelte. Zwei der Texte widmen sich speziell dem Steinhandwerk.

Wir greifen denjenigen mit dem Titel „Steinmetzen und Steinbrecher im Mittelalter“ heraus, dessen Autor Dietmar Wolf vom Europäischen Bildungszentrum für Steinhandwerksgeschichte in Straßburg ist.

In seinem Beitrag geht es um die Epoche ungefähr vom Jahr 1000 bis 1500, kunstgeschichtlich gesehen also um Romanik, Gotik und beginnende Renaissance.

In jener Zeit gibt es seit dem Ende des römischen Reiches erstmals wieder Großbaustellen: für Kathedralen, Burgen oder die großen Städte selbst. Wolf schreibt in seiner Einleitung, vor die er den alten Spruch „Mit Gunst und Erlaubnis“ setzt: „In Europa wurden in diesem Zeitraum mehr Steine bewegt und behauen als in allen ägyptischen Zeitperioden zusammen.“

Im Mittelpunkt seiner Betrachtung stehen die komplexen Organisatonsformen für die mächtigen Steinbauten und auch die Rolle, die das Steinhandwerk dabei spielte. Genauso widmet er sich ausführlich den Ritualen und Zermonien der Steinleute oder deren geheimen Zeichen, um nur einige der Aspekte zu nennen.

Kurz: es geht um das das Brauchtum der Steinleute und wie es entstanden ist.

Eine der Kernaussagen: „Auf den Großbaustellen war es das Steinhandwerk, das diese leitete und dem alles andere Handwerk untergeordnet war“, stellt Wolf fest, wehrt aber gleich Missverständnisse ab: die Zusammenarbeit der verschiedenen Handwerker sei von gegenseitiger Wertschätzung und Respekt geprägt gewesen.

Zunächst waren vor allem die Bischöfe die Auftraggeber. Sehr modern klingt die Art, wie sie das Vorhaben organisierten: es wurde eine Art von Baubüro gegründet, im Kirchenlatein „Fabrik“. Dieses holte Handwerker heran und organisierte die Abläufe.

Für die Bruderschaft der Steinhandwerker wurde als Büro eine so genannte „Logia“ oder „Hütte“ errichtet, meist ein Haus auf der Südseite der Kathedrale. Dort wurden alle Verwaltungsangelegenheiten erledigt, unter anderem die Pläne aufbewahrt.

Die Arbeit am Stein selbst erledigten die Handwerker nebenan in der „Stein-Logia“, einer Art von Steinmetzviertel.

Die Werkzeuge der Steinhandwerker haben eine lange Tradition.

Fremden war hier der Zutritt verboten, bis auf den Bischof oder die höchsten klerikalen Beamten. Das wiederum hing damit zusammen, dass anfangs das Wissen um das Bauen als Geheimnis gehütet wurde. So kamen nach Fertigstellung eines Bauabschnitts die Pläne und Aufzeichnungen ins Feuer oder wurden in einem Ritual vergraben.

Dasselbe geschah zum Beispiel mit einem Bernhard, einem vehauenen Stein.

Und weiter: „Mess- und Arbeitswerkzeuge aus Holz wurden, waren sie verbraucht, ebenfalls zermoniell dem Feuer übergeben, und Hand- und Bauwerkzeuge aus Eisen wurden, waren sie ähnlich abgenutzt, auf ähnliche Weise vom Schmied der Steinhandwerksbruderschaft wieder eingeschmolzen“, schreibt Wolf.

Zwar war die Abschottung gegenüber Außenstehenden rigoros. Jedoch gab es innerhalb der Branche einen regen Austausch, indem die Steinhandwerker die Wanderschaft pflegten und so ihr Wissen und Können auf dem europäischen Kontinent und auch auf den britischen Inseln verbreiteten.

Manches aus der „Logia“ lebt noch heute in unserer Sprache weiter. So gab es dort unter den Führungskräften einen Gruppenwortführer, „Parlier“, „Parlierer“ oder „Parler“ genannt – der Polier geht auf den Begriff zurück. Die 2. Position nach dem „Werkmeister“ als oberstem Chef hatte der „Schaffner“ inne, der die finanziellen Angelegenheiten des Bauvorhabens regelte.

So wie sich die Gesellschaft veränderte, wurden aus den bischöflichen Bruderschaften im Lauf der Jahrhunderte so genannte Laien-Bruderschaften, wobei der Begriff nicht „Ungelernte“ meint, sondern nur deren Zugehörigkeit zu einer städtischen Organisation benennt. Später gab es auch einen Reichs-Steinmetz-Orden und weitere Organisationsformen.

In diesem neuen Umfeld wurden einige der „Logias“ oder „Hütten“ sehr vermögend. Zu ihren Aufgaben gehörte, die Ausbildung der jungen Leute und auch die soziale Sicherung ihrer Mitglieder zu organisieren. „Steinmetzgesellen und Meister gehörten zu den bestbezahlten Handwerkern ihrer Zeit“, schreibt Wolf.

In seinem Resümee, eingeleitet wieder mit dem Spruch „Mit Gunst und Erlaubnis“, stellt er heraus: „Das Handwerk hat in Europa mehr gebaut als nur materielle Monumente.“ Schon früh habe man soziale Verhaltensweisen gepflegt und das eigene Tun „auf der Grundlage allgemeingültiger Menschenrechte und Wertmaßstäbe definiert“.

Sein Schlussatz lautet: „Europäisches Steinhandwerk und Handwerk sind gelehrte und gelebte Wissenschaft der Natur, von Materie UND Geist.“

Wir fügen hinzu: Wieso kam es überhaupt zu diesem Bauboom von 1000 bis 1500, in einer Epoche, als auch die Hanse erblühte? Klimaforscher meinen, dass damals nach einer Kaltzeit, die das Ende des römischen Reiches gebracht hatte, wieder wärmere Temperaturen herrschten. Ihr Ende brachte die so genannte Kleine Eiszeit – berühmt sind aus jener Phase die Gemälde niederländischer Maler, die Schlittschuhläufer auf zugefrorenen Kanälen zeigen. Baustellen, die bis dahin nicht beendet worden waren, wurden erst im Zeitalter der Industrialisierung im 19. Jahrhundert fertiggestellt.

„Von Steinmetzen, Zimmerern und Schmieden. Bauhandwerk im Mittelalter“, Schriftenreihe der Akademie Friesach, Neue Folge 4, Herausgegeben von Johannes Grabmayer. ISBN: 978-3-9503260-3-1. 26 €, bei Bestellung bei Dietmar Wolf, UFWG, zzgl 2 € zur Unterstützung der Geschichtsforschung des Europäischen Stein- und Bauhandwerks, Versandkosten pauschal EU 3,50 €, Schweiz 7,90 €, per Mail.

(24.05.2018)