Zusammen mit seinem Bruder Pier Giacomo entwarf er zahlreiche Gegenstände, die heute Klassiker der Wohnungseinrichtung sind
Noch heute ist die Lampe mit dem schlichten Namen „Arco“ ein Lehrstück für jeden Produktdesigner, der sich mit Naturstein beschäftigt: der kleine Marmorblock, der als Gegengewicht für den weit ausladenden Bogen gebraucht wird, bringt immerhin ein Gewicht von 43 kg auf die Waage – wie kann man das Problem der Hausfrau lösen, die nicht um das Möbelstück drumherum putzen will?
Achille Castiglioni, der den Lampenklassiker im Jahr 1962 zusammen mit seinem Bruder Pier Giacomo entworfen hat, fand eine einfache Lösung: der Marmorblock ist im oberen Teil durchbohrt, damit man dort einen Besenstiel durchstecken kann. Damit können 2 Leute das Möbel ohne Probleme hin- und herrücken.
Funktionalität stand immer im Zentrum der Arbeiten des italienischen Industriedesigners (1918-2002), der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte.
Einfachheit war eine weitere Leitlinie.
Und: Augenzwinkern.
Das führte gelegentlich zu ungewöhnlichen Produkten, etwa wenn die Brüder Gegenstände aus ganz anderen Zusammenhängen herauslösten und ihnen eine neue Rolle gaben.
Zum Beispiel der Stuhl „Mezzadro“: es handelte sich um einen einfachen Traktorensitz für die Landarbeiter, der hier zu einem schicken Möbel für den Wohnungsinhaber mit Wunsch zur Selbstdarstellung wird. Neben dem Sitz als solchem besteht das Stück nur aus einem elastischen Stahlbogen, der mit einer einfachen Flügelmutter unter dem Sitz befestigt ist, und einem Querholz, das das Ganze stabilisiert.
Oder der Barocker „Sgabello“. Zu sagen ist zu ihm nichts, denn jeder weiß sofort, wozu er dient und wie er funktioniert.
Einfach nur witzig ist die Tischlampe „Snoopy“, wieder mit einem Marmorfuß. Wir haben das Foto der Ausstellung „50 Years of Living Marble“ entnommen, die 2016 auf der Marmomac die Entwicklung des italienischen Naturstein-Designs nachzeichnete.
Achille Castiglioni war der jüngste von 3 Söhnen des Bildhauers Giannino Castiglioni und seiner Ehefrau Livia Bolla. Nach dem Militärdienst im 2. Weltkrieg vollendete er sein Architekturstudium am Politecnico in Mailand und gründete wenig später mit seinem Bruder Pier Giacomo ein eigenes Studio.
Während der 1960er schufen die beiden zahlreiche Haushaltsgegenstände, von denen viele heutzutage als Marksteine der Designgeschichte in Museen wie dem MOMA in New York oder dem Victoria & Albert Museum in London präsentiert werden. 1968 starb Pier Giacomo.
1956 war Achille an der Gründung der Associazione per il Disegno Industriale, ADI (Vereinigung der Industriedesigner) beteiligt. Von 1971 an lehrte er „Künstlerisches Design für die Industrie“ am Politecnico in Turin, von 1980 bis 1993 war er Professor für Industriedesign am Politecnico in Mailand.
In Mailand zeigt die Fondazione Achille Castiglioni neben zahlreichen seiner Werke auch viele unauffällige Gegenstände aus dem Alltag der Nachkriegszeit, die der Designer aufbewahrte und bei denen er sich Anregungen für seine eigenen Entwürfe holte.
Fondazione Achille Castiglioni
Autor: Peter Becker
(27.07.2018)





