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Angelo Mangiarotti war nie ein Produktdesigner, aber ein großartiger Naturstein-Künstler

Angelo Mangiarotti: Tisch „Eros“ (1973).

Allein die Form stand bei seinen Arbeiten mit Marmor im Vordergrund, die Funktionalität spielte für ihn keine Rolle

Die Firma Agapecasa hat eine „Mangiarotti Collection“ auf den Markt gebracht. Hierfür wurden 11 Design-Objekte aus dem reichen Schaffen des berühmten italienischen Designers (1921-2012) ausgesucht. Die Techniker der Firma haben „kleine technische Veränderungen“ vorgenommen, um die Ikonen der Design-Entwicklung an „die funktionellen Bedürfnisse unserer Zeit“ anzupassen, wie es in einer Pressemitteilung heißt. Jedoch wurde das Erscheinungsbild und „die Authentizität“ der Objekte nicht verändert, wird betont.

Wir wollen die Gelegenheit nutzen, einen differenzierten Blick auf die Arbeiten Angelo Mangiarottis mit Naturstein zu werfen.

Denn: Produktdesign hat er nur in ganz wenigen Fällen gemacht, Industriedesign, also Entwürfe für eine Massenproduktion, niemals, zumindest nicht mit Naturstein als Material.

In Wirklichkeit war Mangiarotti immer Künstler. Kein Wunder, dass er sich zum Ende seines Lebens der Bildhauerei zuwandte, mit der er sich schon in den 1980ern intensiv beschäftigt hatte.

Betrachtet man seine Möbelstücke als Kunstwerke, das sind es wirklich großartige Arbeiten: beeindruckende Formen mit einer unglaublichen Wirkung. Solch ein Möbel kann einen ganzen Raum zum Leuchten bringen.

Jedoch als Produkte für den Gebrauch im Alltag von jedermann sind viele aus Naturstein schlichtweg ungeeignet.

Angelo Mangiarotti: Tisch „Eros“ (1973).

Nehmen wir den Tisch „Eros“. Tischplatte und Beine sind ohne Schrauben oder andere Verbindungen nur ineinander gesteckt. Das Gewicht des Marmors hält die Platte auf den konisch geformten Beinen.

Klasse Idee, das. Nur – was tun, wenn der Tisch ein paarmal abgewischt worden ist und sich oben rund um die Tischbeine der Schmutz sammelt? Soll man einen Zahnarzt bestellen, der mit seinen Werkzeugen den Dreck herauspult?

Angelo Mangiarotti: Tisch „Eccentrico“ (1973).

Oder der Tisch „Eccentrico“. Gelobt wird immer das Spiel mit der Schwerkraft, das Mangiarotti hier betrieben habe. Die Platte erscheine schwebend, heißt es.

Wir haben eher Angst vor so viel Stein. Denn wenn da etwas ins Rutschen kommt, schlägt es alles darunter kaputt. Wir wissen, dass Mangiarotti dem durch einen pfiffigen Unterbau vorgebeugt hat. Details dazu sind in den „Assembly instructions“ auf der Webpage nachzulesen.

Nur: wir reden vom Eindruck, den so ein Objekt macht. Und dieser Eindruck ist entscheidend dafür, ob sich ein Möbelstück verkauft oder nicht. „Eccentrico“ ist für uns so furchterregend wie für den Wanderer im Gebirge ein überhängender Fels.

Angelo Mangiarotti: Tisch „Eccentrico“ (1973).

Das Gewicht schließlich macht das Möbelstück auch noch unpraktisch. Denn bei der Variante mit 72 cm Höhe kommt man allein für das Tischbein auf 204 kg. Dazu bringt dann die Platte noch 113 kg.

Da muss man einen stabilen Fußboden haben. Denn die gut 300 kg Gewicht verteilen sich nur auf die ganz kleine Standfläche.

Schließlich: nach der Aufstellung kann niemand mehr diesen Tisch verschieben, zumindest nicht die Putzfrau und auch nicht die Hausfrau. Folglich hat der Tisch alsbald Ränder auf dem Boden rund um den Fuß.

Fast alle Arbeiten von Mangiarotti sind unter dem Aspekt der Verwendbarkeit gründlich misslungen. Das hat dazu geführt, dass sie nie in großen Stückzahlen verkauft wurden. Wahrscheinlich hat ihn das nie wirklich interessiert, auch wenn die Zeitgenossen immer betont haben, wie wichtig ihm die Funktionalität sei.

Fatal daran ist, dass Mangiarottis Design nach Art der Kunst eine ganze Generation von jungen Leuten in die Irre geführt hat. Noch heute orientieren sich die Studenten überall auf der Welt an seinen Arbeiten und entwickeln Alltagsprodukte, die vollständig aus Stein gefertigt sind.

Nur in den seltensten Fällen sind solche Entwürfe erfolgreich, nämlich dann, wenn das Gewicht des Steins die Funktionalität des Objektes bestärkt. Die Frage, die im Mittelpunkt des Produktdesign mit Naturstein stehen müsste, ist: was kann der Stein (und was kann er nicht)?

Kein Wunder, dass Produktdesign mit Naturstein sich bisher jenseits des Marktes für Luxusobjekte nicht durchsetzen konnte. Das konstatieren inzwischen Italiens Vordenker selber: Naturstein-Design verharre in einer „elitären Nische mit kleinen Serien oder Einzelstücken, die auf dem Markt nur wenig Bedeutung haben“. So formuliert es Vincenzo Pavan in dem Buch „Marmo 4.0“ („Marmo 4.0. Sperimentazioni nel design Litico / Experiments in lithic design”, ISBN 978-88-317-2878-2).

Angelo Mangiarotti war Architekt, Planer, Designer und auch Universitätsdozent. Er gilt als „Vertreter eines strengen Funktionalismus, ohne dabei jedoch Eleganz und Schönheit aus dem Blick zu verlieren“, wie es in der Pressemitteilung von Agapecasa heißt.

Agapecasa

Studio Mangiarotti

Fotos / Rendering: Agapecasa / Marmomac

Angelo Mangiarotti: Tisch „Asolo“ (1978).Angelo Mangiarotti: Buchregal „Loico“ (1987).

(10.08.2018)