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Eine riesige Mashrabiya als Kuppel über dem Louvre Abu Dhabi

Jean Nouvel: Louvre Abu Dhabi. Foto: © Department of Culture and Tourism – Abu Dhabi / Roland HalbeJean Nouvel: Louvre Abu Dhabi. Foto: © Department of Culture and Tourism – Abu Dhabi / Mohamed Somji

Architekt Jean Nouvel lässt „Regen von Licht“ auf die Anlage darunter fallen / Pietra di Luserna als Belag auf dem Boden

Der Journalist vom britischen Telegraph ließ sich eine gewisse Verzweiflung über das ungewohnte Klima anmerken: „Sogar noch im November sind das grelle Licht und die trockene Hitze so extrem, dass man um die Mittagszeit sich nur noch Schatten wünscht. Ich fand ihn unter der Kuppel des Louvre Abu Dhabi.“

Da müssen wir die Frage stellen, wie ein Architekt dort das im November 2017 eröffnete Museum für die Schätze der Weltkultur bauen kann – muss es nicht dicke Wände, isolierte Türen und Fenster haben, damit sich in den Innenräumen Temperatur und Feuchtigkeit kontrollieren lassen?

Wird es nicht zwangsläufig zu einer Art von Bunker für die Kunst?

Etwas ganz anderes hat der französische Architekt Jean Nouvel entstehen lassen: es sind 55 ein- oder zweigeschossige Betonkuben (davon 23 für die Ausstellungen), die wie in einem arabischen Dorf nebeneinander liegen oder miteinander verbunden sind, und obendrüber liegt die inzwischen berühmte offene Kuppel, unter der der Journalist des Telegraph die Rettung vor Helligkeit und Hitze fand.

Um es gleich zu sagen: für die Betonboxen gibt es eine aufwendige Ventilation, die konstante Bedingungen für die Museumsschätze herstellt. Sie garantiert auch, dass die von außen angesaugte Frischluft nicht den Sand der Wüste oder das Salz des Golfes in die Ausstellungsräume mitbringt.

Jean Nouvel: Die Südfassade des Institut du Monde Arabe in Paris. Foto: ActualLittè / Wikimedia Commons

Um die Idee hinter der Kuppel zu verstehen, schaut man am besten zum Institut du Monde Arabe, das Nouvel im Jahr 1980 in Paris am Ufer der Seine gebaut hat: Die Glaswand auf der Südseite mit der Bibliothek trägt eine Verkleidung aus lauter geometrischen Elementen, die im Inneren ein Loch haben – wird die Sonneneinstrahlung zu stark, verengen sich diese Löcher automatisch.

Vorbild waren die so genannten Mashrabiyas (auch: Mashrabyia), jene geometrischen Muster aus Holz oder Naturstein, die in den arabischen Ländern in den Fenstern das Glas ersetzen. Ihre natürliche Klimatisierung basiert auf dem permanenten Durchzug.

In Indien gibt es sie auch, dort heißen sie Jali.

Nouvel hat beim Louvre Abu Dhabi hat eine riesengroße Mashrabiya (ohne Mechanik) mit einem Durchmesser von 180 m als Kuppel über die gesamte Anlage gelegt. Es sind jeweils 4 Lagen von geometrischen Elementen aus Aluminium, die über beziehungsweise unter der tragenden Stahlkonstruktion liegen.

Je nach dem Stand der Sonne dringt Licht durch das geometrische Gewirr – dann fallen konzentrierte Bündel von Helligkeit auf die Wände der Betonboxen und auf den Boden. Sie wandern dort eine kleine Strecke und erlöschen wieder, um woanders neu aufzuleuchten.

Als „Regen von Licht“ bezeichnet der Architekt die Idee.

Jean Nouvel: Louvre Abu Dhabi. Foto: © Department of Culture and Tourism – Abu Dhabi / Roland Halbe

Der Boden im Museum drinnen und draußen ist mit dem Gneis Pietra di Luserna aus Italien belegt. Die Bearbeitung der Platten hatte die Firma Savema aus Pietrasanta unweit von Carrara übernommen. Die Verlegung führten die Firmen Al Hasem Marble und Valencia Marble aus Abu Dhabi aus. Die Bauleitung oblag dem US-Konzern Turner Construction.

Die Idee für das Museum geht zurück auf das Jahr 2007, als die Vereinigten Arabischen Emirate und Frankreich beschlossen, ein Kunstmuseum mit einem neuartigen Anspruch zu errichten: es soll von der Steinzeit bis zur Moderne die wichtigen Objekte der Kunst- und Kulturgeschichte zeigen, wobei es vor allem um die Querverbindungen zwischen den Kulturen geht.

Ein Beispiel war 2017/2018 die Ausstellung „Globen: Ansichten der Welt“. Gezeigt wurden frühe Erdkugeln, astronomische Objekte und Landkarten, die nachzeichneten, wie sich das moderne Bild der Erde im Denken der Völker herauskristallisierte und auch, wie die Seefahrernationen ehemals um das neueste Wissen stritten.

„Universalität“ nennt das Museum seinen Anspruch.

Der Berichterstatter des Telegraph kommt in seinem Beitrag mit einem Wortspiel zu einem guten Ende: „Es gibt keinen Zweifel daran, dass es erfrischend sein kann, Kunst in solchem Kontext zu sehen.“

Ausführlich ist das Projekt in einem Bericht der New York Times beschrieben.

Louvre Abu Dhabi

Jean Nouvel

The Telegraph

The New York Times

Fotos: Roland Halbe / Mohamed Somji

Autor: Peter Becker

Jean Nouvel: Louvre Abu Dhabi. Foto: © Department of Culture and Tourism – Abu Dhabi / Mohamed SomjiJean Nouvel: Louvre Abu Dhabi. Foto: © Department of Culture and Tourism – Abu Dhabi / Mohamed Somji

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(28.09.2018)